Erdbeben in Myanmar: Wenn die Erde 222 Millionen Menschen wachrüttelt

Seismograph und Erdbeben. Ein Seismograph, der die seismische Aktivität eines Erdbebens aufzeichnet.

(Bild: menur / Shutterstock.com)

Ein gewaltiges Beben der Stärke 7,8 erschütterte Myanmar. 222 Millionen Menschen spürten die Erdstöße in Südostasien. Für 8,1 Millionen wird es gefährlich.

Gut zwanzig Jahre nach dem verheerenden Tsunami vom 26. Dezember 2004, der in West-Indonesien und Thailand etwa 230.000 Menschen das Leben kostete, darunter 537 Deutsche, erschütterte am 28. März dieses Jahres erneut ein schweres Erdbeben die Region. Das Beben um 7:21 Uhr mitteleuropäischer Zeit hatte sein Epizentrum nahe dem Ort Sagaing, 17,2 Kilometer entfernt von der 1,6-Millionen-Einwohner-Stadt Mandalay in Myanmar.

Nachbeben und Wahrscheinlichkeit weiterer Erschütterungen

Bereits zwölf Minuten nach dem Hauptbeben ereigneten sich in einem Radius von 70 Kilometern um das Epizentrum eine Reihe von Nachbeben mit Stärken zwischen 6,4 und 4,5. Laut dem Schweizerischen Erdbebendienst an der ETH Zürich ist es wahrscheinlich, dass weitere, mitunter auch größere Nachbeben folgen werden. Es besteht zudem eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass sich ein noch stärkeres Beben mit einer Magnitude von mehr als 7,7 ereignet.

"Bis zu 222,4 Millionen Menschen haben dieses Erdbeben gespürt", meldet das Nachrichtenportal Erdbebennews. Davon leben demnach 205,8 Millionen Menschen in Regionen mit leichten oder mäßig starken Erschütterungen, wo keine nennenswerten Schäden zu erwarten sind. Aber 8,1 Millionen Menschen wohnen in Gebieten, wo Gebäude einstürzen können, davon 4,2 Millionen in Regionen mit möglichen schweren Zerstörungen.

Das Deutsche Geoforschungsinstitut (GFZ) in Potsdam meldete ein Erdbeben der Stärke 7,8 auf der Richterskala in etwa 24 Kilometer Tiefe. Die Richterskala ist ein logarithmisches Maß für die bei einem Erdbeben freigesetzte Energie. Das United States Geological Survey (USGS) verzeichnete die Stärke 7,7 in einer Tiefe von zehn Kilometern.

In der Stadt Aung Ban im Landesinneren von Myanmar stürzte ein Hotel ein, viele Menschen sollen dort eingeschlossen sein. Die Kliniken benötigen laut der regierenden Militärjunta dringend Blutkonserven. Auch in der Großstadt Mandalay sind die Krankenhäuser mit der Menge an Verletzten überfordert. Insgesamt wird mit bis zu 10.000 Toten in der Region gerechnet.

Tektonische Ursachen: Zusammenstoß der Kontinentalplatten

Das aktuelle Erdbeben in Südostasien war ähnlich stark wie das verheerende türkisch-syrische Erdbeben im Februar 2023. Das Beben ereignete sich an der Sagaing-Verwerfung, die Myanmar in Nord-Süd-Richtung durchzieht. Dies ist eine bekannte Verwerfung, an der die indische Kontinentalplatte und die eurasische Platte aufeinandertreffen.

An der Sagaing-Verwerfung bewegen sich diese Erdplatten mit einer Geschwindigkeit von etwa 18 mm pro Jahr aneinander vorbei. Die Sagaing-Verwerfung fängt somit etwa die Hälfte der Nordwärts-Bewegung der indischen Platte auf. Wenn sich diese Bewegung verhakt und es bei großem Druck zu einer Entspannung kommt, spürt man diesen Ruck als Erdbeben.

Zwischen den Jahren 1930 und 1956 kam es an der Sagaing-Verwerfung zu zahlreichen Erdbeben. Darauf folgte eine ruhigere Phase, in der sich im Untergrund große Spannungen aufbauten. Diese wurde nun durch das aktuelle starke Beben plötzlich freigesetzt. Ob damit die Spannungen vollständig abgebaut sind, ist nicht sicher.

So starke Erdbeben erzeugen seismische Wellen mit langer Periode, die große Entfernungen zurücklegen können. Hochhäuser, die lange natürliche Schwingungsperioden haben, können dadurch stark ins Schwanken geraten und Schaden nehmen, wenn diese Wellen sie erreichen.

Schäden in 1000 Kilometern Entfernung

Im 1.300 Kilometer vom Epizentrum bei Mandalay entfernten Bangkok stürzte der Rohbau des mehr als 30-Stockwerke hohen Hochhauses des staatlichen Rechnungshofes in der Nähe des berühmten Chatuchak-Wochenendmarktes ein. Und zahlreiche Rooftop-Pools schwappten über.

Der ÖPNV in Bangkok mit seinen zahlreichen Hoch- und U-Bahnen wurde nach dem Erdbeben eingestellt und auf Schäden untersucht. Bei den zahlreichen Brücken über den Chao Phraya wurde schon am Freitag Entwarnungen gegeben.

Thailands Ministerpräsidentin Paetongtarn Shinawatra erklärte am Freitagabend (Ortszeit), die Schäden hielten sich in Grenzen. Diese Aussage galt aber wohl nur für die Hauptstadt und nicht für Up-Country.

Wie das chinesische Staatsfernsehen berichtete, waren die Erschütterungen in der an Myanmar grenzenden chinesischen Provinz Yunnan in Südwestchina ebenfalls deutlich zu spüren, etwa in der Großstadt Kunming oder den bei Touristen beliebten Orten Lijiang und Dali. Der Katastrophenschutz in der chinesischen Stadt Ruili sprach von Verletzten und Schäden an Häusern. Auch in den chinesischen Provinzen Guizhou und Guangxi waren die Erdstöße zu spüren. Aus Laos und Kambodscha liegen bislang noch keine Schadensmeldungen vor.

Das Auswärtige Amt teilte mit, es gebe keine Erkenntnisse über betroffene Deutsche. Die Lage sei aber noch sehr unübersichtlich. In den aktualisierten Reisehinweisen heißt es, Bundesbürger sollten die Nachrichten verfolgen und die Verhaltenshinweise der örtlichen Behörden sowie ihres Reiseanbieters oder Hotels beachten. Außerdem sollten sie sich in die Krisenvorsorgeliste des Ministeriums eintragen.

Folgen für die Wirtschaft sind derzeit bisher nicht absehbar. Ob die Werke der beiden Festplattenhersteller Seagate und WD, die aus Thailand fast alle weltweit benötigten konventionellen HD-Drives liefern, betroffen sind, wird sich erst in den nächsten Tagen herausstellen. Die gilt auch für die optische Industrie von Sony und Nikon, deren Werke inzwischen in der ehemaligen Hauptstadt Ayutthaya konzentriert sind.