Goldrausch und Dollar-Kater

Die Konvulsionen an den Devisenmärkten verweisen auf die strukturelle Krise des Geldsystems

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Alarm an den Devisenbörsen: Mitte November rutschte der Dollar unter seinen Kurs am Einführungstag des Euro. Pro Euro bekam man kurzzeitig 1,1978 Dollar - mehr als je zuvor in der Geschichte der Gemeinschaftswährung. Nach alter Rechnung hätte man nur noch 1,64 Deutsche Mark für den US-Dollar bezahlen müssen - im Jahr 2000, dem letzten Vor-Euro-Jahr, waren es zeitweise 2,30 Mark und mehr gewesen. Noch spektakulärer als der Euro stieg das Gold und durchschlug etwa zur selben Zeit erstmals seit mehr als siebeneinhalb Jahren den Preis von 400 Dollar pro Feinunze.

Das Abrutschen der US-Währung würde noch stärker ausfallen, würde diese nicht künstlich gestützt, und zwar von den Konkurrenten der USA. So hat etwa die japanische Zentralbank seit Jahresbeginn mindestens 150 Milliarden Dollar aufgekauft, um dessen Wert zu stabilisieren.

Das ist kein Freundschaftsdienst, sondern Eigeninteresse: Würde der Dollar weiter fallen und der Yen damit steigen, wären japanische Ausfuhren auf dem US-Markt nicht mehr so konkurrenzfähig. Nippons exportlastige Wirtschaft, gerade eben knapp der Deflation entronnen, käme erneut ins Trudeln.

Wachstum auf Pump

Auf den ersten Blick erscheint die Entwicklung verwunderlich, ist doch die US-Wirtschaft im dritten Quartal mit einer Jahresrate von 8,2 Prozent gewachsen - Deutschland, das nur ganz knapp ein Minus vermieden hat, kann von einem solchen Wert nur träumen. Doch der Zuwachs ergibt sich weitgehend aus Staatsinvestitionen zum Beispiel für den Rüstungssektor, die die Bush-Regierung in Größenordnungen wie zuletzt Ronald Reagan zu Beginn der achtziger Jahre getätigt hat. Diese Investitionen werden auf Pump finanziert, und zwar weitgehend von ausländischen Millionären und Kapitalfonds. Reiche Deutsche, Japaner oder Araber kaufen die Staatsobligationen, die Washington auf den Kapitalmärkten anbietet. Mit anderen Worten: Sie geben harte Devisen gegen papierene Zahlungsversprechen. Auf diese Weise müssen Tag für Tag 1,5 Milliarden US-Dollar ins Land strömen, damit die Bush-Regierung ihre Löcher stopfen kann.

Eine Rückzahlung der Auslandskredite wird aber nur möglich sein, wenn die USA endlich wieder mehr Eigenprodukte auf dem Weltmarkt losschlagen können - letztes Jahr betrug das Minus in ihrer Handelsbilanz knapp 500 Milliarden Dollar. Für eine Exportoffensive aber wäre ein niedrigerer Dollarkurs erforderlich. Darauf spekulieren die internationalen Anleger und meiden zur Zeit Dollaranlagen.

Im September haben ausländische Privatanleger so wenig US-Wertpapiere gekauft wie seit fünf Jahren nicht mehr. Solange ausländische Notenbanken mit Dollaraufkäufen dagegenhalten, geht das gut. Nun aber wird befürchtet, dass China massiv Dollarreserven auf den Markt werfen könnte - als Revanche für die Importbeschränkungen, die Washington diese Woche gegen Textilwaren aus der Volksrepublik verhängt hat.

Außerdem misstraut man auf den Finanzmärkten den offiziell ausgewiesenen Zuwachsraten beim Bruttoinlandsprodukt (BIP), weil sie sich in der Vergangenheit bisweilen als getürkt erwiesen haben. Für Kurt Richebächer, den früheren Chefökonomen der Dresdner Bank, beruht etwa das amerikanischen Wirtschaftswunder der 90er Jahre fast ausschließlich auf "Zaubereien mit Statistik". Vor allem macht er auf die falsche Verbuchung von Computer-Investitionen aufmerksam. Zwischen den Jahren 1997 und 2000 wies die US-Statistik Investitionen in diesem Bereich in Höhe von 34 Milliarden Dollar auf. In der Realrechnung waren allerdings nicht 34, sondern 214 Milliarden Dollar aufgeführt - aus einem für Computer ausgegebenen Dollar wurden fast deren sieben. Wie war das möglich?

Die Amerikaner haben in den achtziger Jahren beschlossen, bei der Berechnung der Investitionsrate den Faktor "Qualitätsverbesserung" immer stärker zu berücksichtigen. Bezüglich der Computer war dies seit Jahren im Gang, aber ab 1995 begann eine förmliche Explosion der Computer-Leistungen. Und mit der Computer-Leistung explodierte die Berechnung der Investitions- und Produktionszahlen für Computer: Sie versiebenfachten sich. Aus 34 Milliarden wurden in der Statistik 214 Milliarden.

Richebächer

Diese 214 Milliarden machten satte 20 Prozent des realen Sozialprodukt-Wachstums aus. Aber damit nicht genug:

Der zweite Schlag erfolgte vor drei, vier Jahren. Da beschlossen die amerikanischen Statistiker, Software-Ausgaben seien eigentlich nicht Kosten, sondern Investitionsausgaben.

Als solche gingen sie in die BIP-Berechnung ein - als Kosten hätten sie nicht dafür verwendet werden können. So wuchs die US-Jahreswirtschaftsleistung in den Clinton-Jahren um weitere 70 Milliarden Dollar, ein Anstieg von einem vollen Prozent - auf dem Papier. Nun wundert man sich nicht mehr, wie es die US-Ökonomie damals auf jährliche Steigerungsraten von drei Prozent und mehr brachten. Der Verdacht wiegt schwer, dass es sich mit den sieben Prozent, die fürs letzte Quartal errechnet wurden, nicht anders verhält.

Gold als sicherer Hafen

Da der Dollar kein sicherer Hafen mehr ist, schichten Millionäre und Spekulanten auf der ganzen Welt ihre Reserven zunehmend in Goldanlagen um. Die verstärkte Nachfrage hat den Preis steil ansteigen lassen: Der derzeitige Preis liegt glatt 40 Prozent über dem von Anfang 2002. Und er wäre noch viel höher, würden die staatlichen Notenbanken nicht seit einigen Jahren ihre Reserven auf den Markt werfen. So hat Großbritannien zwischen 1999 und 2001 gut 400 Tonnen des Edelmetalls verkauft.

Die Beliebtheit von Gold gerade in Krisenzeiten hängt mit der Ankerfunktion des Edelmetalls bei der Wertbildung zusammen. Zeit ist Geld, sagt der Volksmund ganz richtig. "Das Geld ist die Arbeitszeit als allgemeine Ware", schrieb Karl Marx in den Grundrissen.

Das Verhältnis stimmt aber nur überein, wenn das Geld goldgedeckt ist. Das nicht-oxydierende Edelmetall ist ideal, um das Geld auf die Arbeitszeit zu beziehen: Da es keine chemischen Verbindungen eingeht und zwar selten, dann aber relativ oft oberirdisch vorkommt, war "für seine erste Auffindung nur rough labour, weder Wissenschaft noch entwickelte Produktionsinstrumente erforderlich" (Marx). Die Menge des weltweit geförderten Goldes entsprach ziemlich genau der aufgewendeten "rough labour" - daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Hätte man den Wert der Währungen nicht an Gold, sondern beispielsweise an Stahl gekoppelt, wäre das anders gewesen: Durch moderne Technik lässt sich seit hundert Jahren die Stahlproduktion beständig steigern, während die aufgewendete Arbeitszeit sinkt.

In der Zeit des internationalen Goldstandards (von den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis 1914) tauschten sich die Währungen nach dem jeweiligen Goldanteil aus: Das britische Pfund bestand aus etwa zwanzig mal mehr, der US-Dollar etwa vier mal mehr Gold als die Reichsmark, entsprechend war der Wechselkurs 1:20 beziehungsweise 1:4. Da Banknoten nur als Ersatz für goldhaltige Münzen in Umlauf kamen, war die Erhöhung der Geldmenge an größere Goldzufuhr gekoppelt, was entweder die zusätzliche Förderung in Goldminen oder den Erwerb von Gold im Austausch gegen Exportüberschüsse erforderlich machte - beides war arbeitsintensiv. Damit war der Wertlehre der klassischen Ökonomie genüge getan:

Ein geschichtlicher Wendepunkt

1914 brach der Goldstandard international zusammen - zur Finanzierung des Ersten Weltkrieges wie später des Zweiten Weltkrieges mussten sich alle Staaten verschulden. Erst 1944, im Abkommen von Bretton Woods, hatte das Gold ein Comeback im monetären Weltsystem, wenn auch in stark modifizierter Form. Nicht jede Währung, wohl aber der alle Währungen dominierende US-Dollar wurde an Gold gebunden, für die Federal Reserve bestand jederzeitige Einlösungspflicht. Doch mit der Aufblähung der Dollarmenge im Zuge des Vietnamkrieges wurde dieses Verpflichtung zur Farce, die Goldbindung der US-Währung wurde 1971 durch Präsident Nixon bei Nacht und Nebel suspendiert - selbst die Verbündeten waren vor den Kopf gestoßen. 1976 beschloss der Internationale Währungsfonds, dem Gold jede währungspolitische Rolle zu nehmen. Spätestens seit dieser Zäsur ist Geld keine "Geldware" (Marx) mehr, sondern nur noch Wertzeichen.

Ein geschichtlicher Wendepunkt: Die Geldmengenentwicklung ist heutzutage, selbst nach der Maßgabe der gestrengen Bundesbank, nicht mehr von der Goldmenge abhängig, sondern vom Bruttoinlandsprodukt (Bip). Wächst die Geldmenge M3 ungefähr gleich schnell wie das Bip, sind die Währungshüter in Frankfurt am Main zufrieden. Anders gesagt: Früher richtete sich der Wert der nationalen Geldmenge nach dem Wert des nationalen Goldschatzes, der seinerseits eine bestimmte Menge an Arbeitszeit repräsentierte. Heute soll sich der Wert der Geldmenge am Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen orientieren, dieser kann aber seinerseits nur in Geld ausgedrückt werden. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Das Geld wird am Warenwert gemessen, der Warenwert in Geld. Für die post-moderne VWL existiert kein objektiv-materielles Wertmaß mehr.

Wenn es zutrifft, dass die Bundesbank bis 2009 etwa ein Sechstel ihrer 3.500 Tonnen Goldvorräte abstoßen will so brächte dies Einnahmen für die Staatskasse, würde aber die Labilität des Gesamtsystems erhöhen: Getauscht würde das mit "rough labour" geförderte Metall gegen bloßes Papiergeld, das schon lange nicht mehr der volkswirtschaftlichen Arbeitsleistung und damit der Wertschöpfung entspricht. Das kann nicht gut gehen. Die Privatanleger spüren das und flüchten in die entgegengesetzte Richtung - von Papiergeld in Gold.