New York Times lesen in Magdeburg: Leib, Stadt und Medien

Seite 5: IV.5 Medien und Leiblichkeit

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Nicht nur das "echte" Erleben der Wirklichkeit im Hier und Jetzt kann zu leiblichen Regungen führen. Dies ist auch bei der Rezeption von Medien möglich, wovon Film, Musik, Computerspiele40 u.a. zeugen. Dass etwa die Stadtdarstellung in Grand Theft Auto 5 im ersten Eindruck so lebendig und atmosphärisch wirkt, liegt daran, dass auch mediale Rezeption ein vorreflexives Moment hat. Man nimmt zuerst wahr, erst dann denkt man darüber nach.

Am einsichtigsten ist eine leibliche Wirkung noch bei bildlichen Darstellungen, selbst wenn sie der Wirklichkeit nicht so nahe kommen wie aktuelle Virtual-Reality-Medien.41 Jürgen Hasse analysiert ein Schwarz-Weiß-Foto Hong Kongs. Er stellt heraus, dass der visuelle Eindruck des Fotos nicht auf sich selbst beschränkt ist, sondern auf "einen Erlebniskontext"42 verweist, der zwar im Foto nicht direkt wahrnehmbar, aber schon einmal "im eigenen Mitsein gespürt worden" ist.

Man sieht die Stadt zwar nur auf einem Foto, aber weil man ähnliche Dinge43 wie die sichtbaren schon einmal in eigenem Erleben wahrgenommen hat, kann man sich in die Abbildung hineinfühlen und (wie in Hasses Beispiel) die "Lebendigkeit" Hong Kongs wahrnehmen.

Dabei muss ein Bild gar nicht so viele Daten liefern wie Hasses Hong-Kong-Beispiel. So, wie wir uns reflexiv "fehlende" Sinnesdaten hinzudenken können ("da müsste noch ein Haus stehen", "da fehlen Menschen", u.ä.), können auf vorreflexiver Ebene auch leibliche Regungen entstehen, selbst wenn kein direkter Verweis von einem Abgebildeten auf die eigenen Erfahrungen nachvollziehbar ist, oder wenn das Abgebildete künstlerisch abstrahiert ist. Denn es geht nicht in erster Linie um die sichtbaren Formen oder deren semiotische Interpretation, sondern um "einen irgendwann und -wo vital erlebten Eindruck"44, der hervorgerufen wird.

Damit sind wir plötzlich wieder beim Thema dieser Essay-Reihe insgesamt: Dem individuellen Ergänzen wahrgenommener "Lücken" in Medien. Ob fiktional oder faktisch, Medien stellen Narrative zur Diskussion. Stellt man in den Narrativen Lücken fest, überlegt man, wie sie zu füllen sind oder woher sie kommen. Bei fiktionalen Werken spekuliert man über "plot holes" und Logikbrüche (vgl. Teil 2 dieser Essay-Reihe: Sie haben uns angelogen), bei Medienberichten über Politik kritisieren Kommentare oft das vermeintliche Weglassen von Informationen (vgl. Teil 3 dieser Essay-Reihe: Konflikt und Krisis: Partitizipativer Umgang mit Massenmedien). Solchen "Head Canons", die in Bezug auf Narrative entwickelt werden, liegt ein bewusster Reflexionsvorgang zugrunde. Dies ist bei leiblichen Regungen anders. Auch wenn sie durch mediale Verweise hervorgerufen werden, und in der Folge vielleicht zu Reflexion führen, sind die Regungen im Moment der Wahrnehmung vorreflexiv.

Entscheidend ist nun, dass nicht nur Bilder, sondern auch andere Medien zu leiblichen Regungen führen können, und zwar Medien jeden Inhalts. Und das nicht nur per Verweis auf Erlebtes (z.B. das medial verbreitete Narrativ der dauernden Ungewissheit, das an erlebte Situationen der Ungewissheit anknüpft und leiblich etwa als Schwindel ohne körperliche Entsprechung spürbar ist), sondern auch durch die Wahrnehmung des Mediums selbst. Letzteres hat zum Untertitel dieser Essay-Reihe geführt: "Medien im epikritischen Zeitalter".

Für das epikritische Zuspitzen kann ein Beispiel herangezogen werden, das ich im letzten Teil dieser Essay-Reihe erwähnt habe: "In den Filialen großer Buchhandlungsketten steht dann der KOPP-Verlag neben Suhrkamp und Compact neben Spektrum der Wissenschaft. Tichy's Einblicke schauen auf die SZ Langstrecke herab, während die FAZ Quarterly von CATO flankiert wird." Das Beispiel hatte ich im Zusammenhang mit dem Wandel des journalistischen Gatekeeper-Paradigmas genutzt.

Tatsächlich ist das Beispiel auch die konstellative Spur einer leiblich wirksamen Situation, die ich vor Verfassen des Essays in der damaligen leiblichen Disposition erlebt habe. Da war zunächst der Wechsel von Enge zu Weite beim Betreten der Buchhandlung, als die langen Geraden der Gänge der Shopping Mall von einem ausgedehnten Raum abgelöst wurden, der durch abgerundete Laufwege und entsprechende Möblierung einer effizienten Zielgerichtetheit entgegenstand (es fehlte eine klare "Schienung des Blicks", wie Schmitz das ausdrückt). Die protopathische Atmosphäre war sowohl gemütlich als auch Neugier erweckend, sie lud zum zeitvergessenen Stöbern im Angebot ein. Meine eigene Befindlichkeit war wohl als "eingelullt" zu beschreiben und das war der von mir (und wohl auch von irgendwelchen Verkaufspsychologen …) erhoffte Zustand.

In diesen Zustand trat nun eine Überraschung, als das Zeitschriftenregal in den Blick geriet. Die von früheren Besuchen vertraute Reihenfolge war diesmal verändert durch die erwähnten rechtsgerichteten Publikationen, insbesondere CATO stach hervor. Durch die Irritation verengte sich meine Wahrnehmung auf eine Blickrichtung zwischen den Publikationen und mir, während der Rest des Raumes in den Hintergrund trat.

Wie ein provozierender Blick wirkten die Titelseiten der Hefte, wie ein ausgestreckter Zeigefinger drängten sich ihre Schlagzeilen auf, als Aufforderung zumindest zur Kenntnisnahme: Sie sind da, wie selbstverständlich, und sie liegen nicht versteckt in irgendwelchen "Schmuddelecken". Meine erste Reaktion war ein ungläubiges "krass", während ich für Sekunden angespannt stehenblieb.

Nach der Wahrnehmung begann die Reflexion. Ich erinnerte mich an andere Medien, die im Vorfeld negativ über das Erscheinen von CATO berichtet hatten. Ohne dieses medial vermittelte Vorwissen wäre die Situation leiblich ganz anders abgelaufen. Während des Nachdenkens (ich fragte mich z.B., ob eine Buchhandlung solche Zeitschriften unbedingt so gleichberechtigt sichtbar platzieren musste) drängten sich Anklänge potenzieller leiblicher Regungen auf, die wohl am ehesten als enge, düster-atmosphärische Dystopie einer neurechten Gesellschaft zusammenzufassen sind. Kopfschüttelnd wandte ich mich nach einigen Sekunden ab, doch die anfängliche Atmosphäre konnte ich nicht mehr wahrnehmen.

Es ist nochmals wichtig zu betonen, dass leibliche Regungen je nach leiblicher Disposition unterschiedlich sind45 (und mitunter vom Subjekt gar nicht erkannt werden), genauso wie die nachgängigen Reflexionen von Erfahrungen, Wissen und Weltbild geprägt sind. Obige Situation ist natürlich auf mein linksliberales Weltbild zurückzuführen, das durch den zunehmenden Erfolg neuer rechter Bewegungen in Europa und den USA zunehmend gefährdet wird.

Die großen gesellschaftlich-politischen Entwicklungen schlagen sich im individuellen leiblichen Erleben nieder. Aber dies geht auch umgekehrt. Denn aus rechter Sicht könnte die Dominanz eher linker Publikationen in Buchhandlungen als Engung wirken (weil sie Beispiel für und Verweis auf einen als dominierend oder erdrückend wahrgenommenen "Mainstream" sind). Entsprechend könnte die Wahrnehmung prominent platzierter rechter Publikationen als Befreiung wirken. Die Blicklinie Leib - Medium wäre dann kein vom Heft ausgehender epikritischer Fingerzeig, sondern ein weitendes Licht am Ende des Tunnels, oder eine Öffnung in einer metaphorischen Mauer des Mainstreams. Dies alles ist, wie gesagt, im Moment der Wahrnehmung vorreflexiv und noch nicht sprachlich ausgedrückt.

Wenn man das Beispiel auf einen allgemeineren Punkt bringen will, geht es hier um die Leiblichkeit medialer Lüge. Linken wie rechten Publikationen werden Falschinformation und Weglassen vorgeworfen, in Kommentaren wird versucht, gegenzuhalten. Es ist ein leiblich bedrängender Kampf um das Rechthaben von allen Seiten.

Eine neue Rolle spielt dafür jetzt das Melden. Über das seit Januar gültige Netzwerk-Durchsetzungsgesetz kommentierte Frank Rieger im Freitag: "Nutzer aus dem gesamten politischen Spektrum klickten sich die Finger wund und meldeten massenweise Tweets und Posts ihrer jeweiligen Gegner als löschbedürftig."46. Es ist zu vermuten, dass nicht alle dieser Meldungen nach reiflicher Überlegung gemacht wurden, sondern auch direkt nach der Wahrnehmung, quasi affekthaft, ähnlich wie man auf diese Weise Posts und Produkte "liked" oder "disliked". Egal ob links oder rechts, der Affekt wäre hier Spannung lösender Reflex, als Reaktion auf die drängende epikritische Engung, die bei Wahrnehmung des Mediums zu spüren war.

Im nächsten Teil der Reihe greife ich die bis hierher angestellten Überlegungen wieder auf, um das Ideal eines "dynamischen Lokalen" zu entwickeln: Ist es möglich, Positives im rhythmischen Wechselspiel des lebendigen Lokalen mit dem medial vermittelten Globalen und all seiner Ungewissheiten zu sehen, wertzuschätzen oder wenigstens auszuhalten, ohne Zuflucht in kämpferischen Affekten zu suchen? Wie müsste "Stadt" dabei unterstützen?