Normungskrieg: Wie China den Westen mit seinen eigenen Waffen schlägt

Westliche Industriestaaten verlieren zunehmend Kontrolle über globale Standards. China besetzt systematisch Schlüsselpositionen in internationalen Normungsgremien. (Teil 2)
Überfordert die Globalisierung die westlichen Industriestaaten und gibt es einen Weg zurück? Im Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen ziehen westliche Marken immer häufiger den Kürzeren. Seit wann diese Entwicklung offensichtlich ist, lässt sich sogar an einem Datum festmachen.
Nach den Anschlägen auf das World Trade Centre am 11. September 2001 intensivierten die USA ihren Krieg gegen den Terror und konzentrierten sich weitgehend auf die Aufrüstung. Konsumartikel standen da nicht mehr im Fokus, und die Fertigungskompetenz verlagerte sich nach China. Selbst Marken wie GE Appliances, die früher zu General Electric zählten, sind heute Teil des chinesischen Haier-Konzerns.
Zur chinesischen Politik zählt es bis heute, möglichst die ganze Lieferkette zu beherrschen, und man hatte gelernt, dass dazu im Westen auch die Intelectual Properties gehören und dazu zählen neben Patenten auch die Normen oder Standards, wie sie in den USA genannt werden. Man wollte sich an deren Entwicklung beteiligen, so wie das die westlichen Industriebetriebe seit über 100 Jahren taten.
Die Volksrepublik arbeitete beispielsweise mit in der International Electrotechnical Commission in Genf. Als China dann begann, wichtige Schlüsselpositionen in den Normungsorganisationen zu besetzen und viel stärker als andere in die Normungsarbeit investierte, sind die westlichen Staaten erschreckt aufgewacht.
Sie hatten festgestellt, dass China offensichtlich das Ziel hatte, chinesischen Unternehmen gerade bei den Zukunftstechnologien einen Vorteil zu verschaffen. China begann gezielt die Sekretariate technischer Komitees zu besetzen, die für Bereiche zuständig waren, in denen die chinesische Wirtschaft oder Forschung stark ist.
Aus der Sicht der westlichen Industriestaaten stellte sich damit schnell die Frage: Warum unterwirft sich das Reich der Mitte, das ja nur eine verlängerte Werkbank für die alten Industriestaaten sein sollte, nicht einfach den sich laufend wandelnden westlichen Vorstellungen?
Dass die Werkbank für die Welt für China nur ein Zwischenschritt bei der Rückkehr zur alten wirtschaftlichen Stärke war und man durch Beteiligung in Normungsgremien Abläufe erlernen konnte, die man bisher noch nicht kannte, war aus chinesischer Sicht keinesfalls verwerflich.
Aus den Normungsgremien vergrault, setzt China seine eigenen Normen um
Wer auf den chinesischen Markt liefern will, muss die chinesischen Normen berücksichtigen und die China Compulsory Certification berücksichtigen. Dass dies manchen Playern hierzulande nicht passt und die jetzt die Politik einschalten wollen, ist eine reichlich billige Reaktion. Eine Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU im Bundestag vom 31. Januar bemerkt:
Ausländische Unternehmen in China isolieren ihr dortiges Geschäft zunehmend vom Weltmarkt. Laut einer Umfrage der Europäischen Handelskammer in China passen 75 Prozent der befragten Firmen ihre Produkte oder Dienstleistungen an den chinesischen Markt an, um Kundenwünsche zu erfüllen. Besorgniserregend sei jedoch, dass 36 Prozent diese Anpassungen aufgrund veränderter chinesischer Vorschriften vornehmen müssen. Dies führe zu höheren Kosten und Ineffizienzen, da einmal ein Standard für China und einmal ein Standard für den Rest der Welt entstünden.
Dass es auch in den USA eigene Normen gibt, wird da einfach übersehen. Während in der EU die CE-Kennzeichnung, die für den Vertrieb im europäischen Markt erforderlich ist, als Selbstzertifizierung des Herstellers die Übereinstimmung mit den aktuell gültigen EU-Vorschriften erklärt, bestätigt die UL-Kennzeichnung von Underwriters Laboratories die Sicherheitsstandards für elektrische Geräte in den USA.
Bei UL werden die Produkte einem umfassenden Prüfprozess unterzogen, was für europäische Hersteller ein kostenpflichtiger Mehraufwand ist. Beide Zertifizierungen sollen dem Verbraucherschutz und der Förderung des jeweiligen Handels dienen.
China scheint beim De-Coupling erfolgreicher als die Bundesregierung
Dass die erfolgreiche chinesische Wirtschaftspolitik dazu führte, dass die Arbeit für viele westliche Konzerne immer mühseliger wurde und die Margen schrumpften, zeigte sich exemplarisch bei der PV-Industrie und dann auch bei den batterieelektrischen Fahrzeugen.
Der Abwehrkampf gegen die chinesischen Anbieter sorgt aktuell jedoch lediglich dafür, dass der gesamte Markt der E-Mobile einbricht und der Verkehrssektor seine Klimaziele nicht erreichen kann.
Und die Forderungen von Wirtschaftsminister Habeck nach einem De-Risking bei den Handelsbeziehungen mit China hören sich leichter an, als es sich in der Realität machen lässt. Zwar wurden die staatlichen Garantien für deutsche Investitionen in China beschnitten und die Kriterien für Exportkredite verschärft, die chinesische Entwicklung konnte dies jedoch nicht stoppen.
Und viele deutsche Unternehmen wollen den chinesischen Markt nicht aufgeben, weil er mehr Wachstum und Rendite verspricht als die möglichen Alternativen. Zudem bietet die chinesische Politik eine gesicherte Rohstoffversorgung.
Auch bei dem vom Volumen her zwar kleinen, für das deutsche Gesundheitswesen jedoch durchaus relevanten Import von Medikamentengrundstoffen aus China scheint ein deutsches De-Risking bislang weit davon entfernt zu sein, sich zu materialisieren.
Das für die Rückführung der Medikamentenlieferkette nach Deutschland oder zumindest in die EU zuständige Wirtschaftsministerium bleibt jede Antwort zu diesem Thema schuldig.
Ganz offensichtlich liegt die Initiative für das De-Risking der westeuropäischen Märkte von der Volksrepublik China in Beijing. Deutschland steht daher inzwischen vor dem Problem, dass es China nicht nur als Markt verliert, sondern auch als Lieferanten für Rohstoffe und Zwischenprodukte.
Teil 3: Wie eine DIN-Norm entsteht