Türken nehmen Afrin ein

Türkische Soldaten in Afrin. Bild: TSK

Die YPG kündigt Guerilla-Kampf an, Erdogans Sprecher erklärt, die Türkei würde weiter den eingeschlagenen Weg voranschreiten

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Es hat alles nichts genützt, der Schluss kam jetzt schnell. Heute morgen meldete der türkische Präsident Erdogan die vollständige Einnahme von Afrin, die Stadt sei unter der Kontrolle der türkischen Soldaten und ihrer Milizen. Die YPG-Kämpfer seien zum großen Teil geflohen: "Unsere Spezialeinheiten und die Freie Syrische Armee säubern die verbliebenen Terroristen und die Minen, die sie hinterlassen haben. Im Zentrum von Afrin wehen nun die Symbole des Friedens und der Sicherheit, nicht die Zeichen einer Terrororganisation." Das Aufhängen der Fahnen wird auch in einem Video gezeigt.

Mittags hatte Hediye Yusuf noch erklärt, die Türken hätten Afrin noch nicht erobert, die Kämpfe würden weitergehen. Man habe Zivilisten evakuiert. Salih Muslim, der frühere Vorsitzende der PYD, bestätigte inzwischen aber die Einnahme. Der Rückzug der YPG-Kämpfer bedeute nicht das Ende des Krieges, der Kampf werde weitergehen, die Kurden würden sich gegen den "geplanten Genozid" weiter selbst verteidigen. Ankara jagt Salih Muslim und hat schon mehrmals versucht, ihn über einen Haftbefehl, zuletzt in Prag, an die Türkei ausliefern zu lassen, ist aber bislang daran gescheitert.

Kurdische Medien berichten, die türkischen Soldaten hätten Kurden exekutiert und mehrere Hundert verschleppt. Auf einem Video ist zu sehen, wie Kämpfer der islamistischen Milizen einen unbewaffneten Kurden brutal traktieren. Behauptet wird, unter den Milizen seien auch einige auf Bildern identifiziert worden, die früher beim IS waren.

Die "Demokratische Autonome Verwaltung des Kantons Afrin" erklärte heute auf einer Pressekonferenz in Sheba, dass man sich zurückgezogen habe, um weitere Massaker an den Zivilisten zu verhindern. Man will für deren Evakuation sorgen, aber der Krieg würde nun auf anderer Ebene weitergeführt werden. Die YPG-Kämpfer seien im ganzen Land verteilt und würden die Soldaten und Milizen sowie ihre Stützpunkte angreifen, bis sie das Land wieder verlassen.

Ibrahim Kalin, Erdogans Sprecher, bezeichnete in der von der türkischen Regierung gepflegten Sprache der Inhumanität die "Säuberung" von Afrin als "bedeutend". Die Botschaft an die Terroristen und die Welt sei klar: "Die Türkei wird mit entschlossenem Schritt auf dem Weg des Vertrauens, der Stabilität und der Gerechtigkeit weiter voranschreiten." Dabei erinnerte er an den "Geist" der Schlacht von Cannakale (Schlacht von Gallipoli), als am 18. März 1915 die Osmanen einen Angriff britischer und französischer Kriegsschiffe zurückschlugen.

Der Geist dieser Schlacht sei auch 103 Jahre später noch lebendig, sagte er und machte damit auch wieder deutlich, dass Erdogan sich in der Tradition des Osmanischen Reiches sieht und dementsprechende Gebietsansprüche gegenüber Syrien, aber auch dem Irak hegt.

Kalin hatte schon vor ein paar Tage erklärt, die Türkei werde das eroberte Afrin nicht Damaskus übergeben. Der Plan scheint zu sein, sich das Gebiet wenn schon nicht zu annektieren, so doch zu kontrollieren und vermutlich einen Bevölkerungsaustausch vorzunehmen. So wurden den Kämpfern der "Freien Syrischen Armee", in der Regel Islamisten, versprochen, sich dort anzusiedeln, Erdogan hat auch immer wieder gesagt, dass 200.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei dorthin umgesiedelt werden sollen.

Damit wäre es den syrischen Kurden nicht mehr möglich, hier ein von ihnen kontrolliertes Gebiet aufrechtzuerhalten, wie das nun noch im Rest von Rojava der Fall ist, wo seit 2011 versucht wird, ein demokratisches und multiethnisches System aufzubauen, in dem auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau umgesetzt werden soll.

Nach Kalin hat Erdogan höchstpersönlich als Präsident und Kriegskommandeur die Operation "Olivenzweig" geleitet. Es würden humanitäre und Sicherheitsoperationen durchgeführt. Ein Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur AA behauptet, Einwohner von Afrin hätten die türkischen Soldaten und die Milizen begrüßt und sich bei ihnen bedankt.

Zu erwarten steht, dass die türkischen Truppen nun weiter gegen Manbidsch vorrücken werden. Erdogans Ziel ist zumindest der Rückzug der kurdischen SDF östlich des Euphrat. Angeblich habe es mit den USA eine Einigung gegeben, mit den Türken eine "sichere Zone" einzurichten und den Abzug der kurdischen Kämpfer zu kontrollieren.

Die USA werden sich gut überlegen müssen, wie sie weiter vorangehen. Sie sind bislang entschlossen, in Syrien mit den SDF-Bodentruppen eine von ihnen kontrollierte Enklave gegen den Iran und Damaskus aufrechtzuerhalten. Nun aber haben die SDF erklärt, dass sie ihren Kampf gegen den IS, der im Süden weiterhin vereinzelt präsent ist, in Reaktion auf die türkische Offensive in Afrin einstellen. Die SDF-Sprecherin Lailawa Abdullah sagte, es seien bereits Kämpfer aus der Provinz Der Ez-Zor abgezogen worden, um den YPG-Verbänden gegen die Türkei zu helfen.