Energiepreise: Mehr Vorsorge hätte geholfen

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Statt Feindbilder zu pflegen, sollte die deutsche Politik zur Abwechslung mal an Vorsorge denken und den Ausbau von Wind- und Solarenergie massiv steigern

Die Energiepreise scheinen gerade regelrecht zu explodieren und versprechen den hiesigen Verbrauchern eine teure Heizsaison. Der Rohölpreis steigt bereits seit November 2020 und ist inzwischen bei 193 Prozent des Vorjahresniveaus angekommen, hat sich also annähernd verdoppelt. Mitte August hat sich die Entwicklung wie auch bei Gas und Steinkohle weiter beschleunigt.

Die europäische Standardsorte Brent kostet inzwischen 82 US-Dollar (72 Euro) pro Barrel (159 Liter). Das war schon mal mehr, aber ein Ende des Anstiegs ist noch nicht auszumachen. Ebenso wenig beim Gaspreis, der inzwischen auf rund 225 Prozent des Vorjahresniveaus geklettert ist. Der Preis der Steinkohle – derzeit bei 400 Prozent des Vorjahresniveaus – entwickelt sich mit einigen Wochen Verzögerung annähernd parallel zum Gaspreis.

Langsam zeichnen sich dramatische Folgen für die Landwirtschaft und die Welternährung ab, weil Erdgas ein wichtiger Rohstoff für die Düngemittelproduktion ist. Das Magazin Agrar Heute berichtet, dass diverse Hersteller in der EU aber auch zum Beispiel in Belarus Werke schließen oder zumindest die Produktion runterfahren, da diese aufgrund des hohen Gaspreises nicht mehr rentabel sei. Auch in China sei mit verminderter Herstellung von Stickstoff- und Phosphor Dünger zu rechnen.

Hungerkrise

Damit ist ein weiterer Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt vorprogrammiert. Schon jetzt, also noch bevor die Auswirkungen verknappter Düngemittel spürbar sein können, steigen sie, und zwar bereits seit März 2020.

Der Nahrungsmittelindex der UN-Organisation für Welternährung und Landwirtschaft FAO lag im September bereits bei 130, also 30 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2016. Das ist in etwa das Niveau, das 2007 und 2008 erreicht wurde und seinerzeit Mitauslöser zahlreicher Aufstände, Unruhen und Bürgerkriege wurde.

Es steht also deutlich mehr als höhere Heizkosten und höhere Spritkosten für den deutschen Autofahrer auf dem Spiel. Wobei steigende Heizkosten für die vielen Menschen mit sehr geringem Einkommen, die oftmals ohnehin durch Einkommensverluste während der Pandemie gebeutelt sind, schon schlimm genug sein werden.

Es sieht also alles nach einer veritablen Energiekrise aus, zu der in ärmeren Teilen der Welt bald auch noch eine deutliche Ausweitung der permanenten Hungerkrise hinzukommen könnte. Und wie in jeder Krise ist es nur zu verlockend, sich einen Sündenbock zu suchen.

Feindbilder

So wird denn hierzulande aber auch in US-Medien gerne mit dem Finger auf Russland gezeigt. Russlands Präsident Putin schicke nicht genug Gas, wolle vielleicht sogar Druck für die Inbetriebnahme der Nordstream-2-Pipeline machen. Vollkommen unbeachtet bleibt dabei die Frage, ob Russland überhaupt mehr schicken kann.

Besonnenere Stimmen weisen auf diverse Schwierigkeiten beim großen östlichen Nachbarn hin. Unter anderem gab es Anfang August einen Brand in einer Gaskondensationsanlage im Fördergebiet auf der westsibirischen Jamal-Halbinsel, von wo das nach Westeuropa verkaufte Gas stammt.

Davon abgesehen bezieht Deutschland auch aus Norwegen und den Niederlanden Erdgas und verfügt über eine eigene, aber nachlassende Förderung, die zuletzt nur noch rund drei Prozent des Bedarfs gedeckt hat.

Nach den Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrollen (BAFA) kamen 2015 (neuere Werte liegen beim BAFA nicht vor) etwa ein Drittel der deutschen Einfuhren aus Russland. Dabei ist Einfuhr nicht gleich Verbrauch. 28 Prozent der Gaseinfuhren wurden re-exportiert, das heißt, Deutschland ist für den europäischen Gashandel ein Transitland.

Fehlende Vorsorge

Die Gründe für den starken Preisanstieg, von dem im Übrigen neben Europa auch Ostasien betroffen ist, sind also vielfältig und haben hierzulande auch mal wieder mit vernachlässigter Vorsorge zu tun. Deutschland verfügt eigentlich über große Erdgasspeicher, die rund ein Viertel des Jahresbedarfs aufnehmen können.

Doch diese Speicher sind zu Beginn des Herbstes ziemlich leer. Ein Teil von ihnen gehört Gazprom, woraus einige russophobe Beobachter ein weiteres Argument für ihre These ziehen, Deutschland solle von Moskau erpresst werden.

Allerdings könnte man auch fragen, wieso die hiesigen Behörden es zulassen, dass die Speicher so weit geleert werden? Wäre es wirklich zu viel verlangt, den Betreibern im Sinne der Versorgungssicherheit entsprechende Auflagen zu machen?

Das Problem hat nämlich schon einen Vorlauf von über einem Jahr. Die BAFA-Zahlen zeigen, dass die Speicher bereits 2020 nicht mehr aufgefüllt wurden. Insgesamt gibt es seit Beginn 2020 ein Minus von rund 500 Terajoule, was immerhin rund einem Sechstel des deutschen Verbrauchs im Jahr 2020 entspricht.

Statt also die Energiekrise zur Pflege von Feindbildern zu nutzen, sollte von der hiesigen Energiepolitik mehr Planung und Aufsicht erwartet werden. Und die Krise sollte als Weckruf verstanden werden, beim Ausbau der krisenfesten Solar- und Windenergie endlich den Fuß von der Bremse zu nehmen.

Verbunden mit der entsprechenden Speicher-Infrastruktur, zu der auch Wasserstoff-Produktion für das Erdgasnetz gehören kann, könnten hiesige Fotovoltaik- und Windkraftanlagen einen erheblichen Teil des deutschen Energiebedarfs decken. Voraussetzung ist natürlich, dass Verkehr und Heizen weitestgehend elektrifiziert werden.