Absturz

Zum Tode von Jürgen W. Möllemann

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Jürgen W. Möllemann ist bei einem Fallschirmabsprung über dem Flughafen Marl-Loemühle ums Leben gekommen. Vor wenigen Tagen war er noch öffentlich in der Talkshow von Sabine Christiansen aufgetreten. Augenzeugenberichten nach soll er den bereits geöffneten Hauptschirm abgeworfen und den Reserveschirm nicht geöffnet haben. Selbstmord? Nach den unmittelbaren Beobachtern des Ereignisses spricht vieles dafür. Die Ermittlungsbehörden beantworten diese Frage selbstverständlich Stunden nach dem Vorfall nicht eindeutig. Im Blick auf die noch heute umstrittene Todesursache des ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, könnte ohnehin dieser erste Eindruck auch nach längeren Ermittlungen der letzte sein. Dass die Staatsanwaltschaft auch weiterhin vergeblich nach einen Abschiedsbrief sucht, ist der Familie von Jürgen W. Möllemann schon deshalb zu wünschen, um eine eigene Erklärung finden zu dürfen, die den größten Trost spendet.

Legt man die harte bis menschenverachtende Werteskala der Leistungsgesellschaft zu Grunde, hätte Jürgen Möllemann plausible Gründe für eine solche Verzweiflungstat gehabt. Eine der peinlichsten Streitigkeiten der letzten Jahre, der aus wahlkampfstrategischen Gründen kalkulierte Angriff auf Michel Friedman (Der Möllemann, der Antisemitismus und der Tod eines Kritikers), fand ihren dramatischen und wohl auch irreversiblen Abschluss mit dem Austritt Möllemanns aus der FDP, der gerade noch einem Parteiausschluss zuvor kam.

Stunden vor Möllemanns Tod hatte der Bundestag seine Immunität aufgehoben und fast unmittelbar im Anschluss begannen umfangreiche Ermittlungshandlungen gegen ihn. Verstoß gegen das Parteiengesetz, Betrug und Untreue lautete der Verdacht. 25 Objekte (!) in Deutschland, Luxemburg, Spanien und Liechtenstein wurden von der Staatsanwaltschaft fokussiert, um belastendes Material gegen ihn zu finden. Der Tod hat diese Akte just in dem Moment geschlossen, als es für den verfemten Politiker so brenzlig wie nie zuvor wurde. Aber ist das ein Grund für Selbstmord?

Der politische Absturz

Möllemann war ohne die Mitgliedschaft in der FDP politisch bedeutungslos geworden. Die Idee, eine eigene Partei zu gründen, bot in Anbetracht von bescheidenen Umfrageergebnissen kaum die Aussicht auf großen Erfolg. In der quälenden Perspektive von Ermittlungs- und/oder Strafverfahren, die Jahre laufen mögen, wäre der Neuaufbau einer Partei um den als politisches "Stehaufmännchen" geltenden Möllemann zudem völlig hoffnungslos gewesen. Die beiden ihm verbliebenen parlamentarischen Mandate ohne Fraktionsanbindung vermittelten Jürgen Möllemann nicht viel mehr als eine politische Eckensteherposition.

Die gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Vorwürfe waren massiv. Für jemanden, der ein so inniges Verhältnis zur Ausübung von Macht und Einfluss hatte, muss diese politische Entwurzelung etwas anderes bedeutet haben als lediglich ein bedauerlicher Ämterverlust. Möllemanns politischer Absturz hatte existenziellen Charakter. Insofern kann auch die Frage zurücktreten, ob es nun Selbstmord, ein unbewusster Todeswunsch oder doch "nur" ein Unglücksfall war, den allerdings erstaunlich viele Zufälle begleiten. Denn dieses Ereignis erscheint selbst wie der logische Endpunkt einer Karriere, die zwar immer schon von Höhen und Tiefen gekennzeichnet war, aber diesmal trug der politische Niedergang des einstigen Strahlemanns der FDP das Zeichen des Endgültigen.

Wer hier gleichwohl an Zufälle glauben will, mag das tun - so wie Frau Barschel einmal erklärte, dass die These vom Selbstmord ihres Mannes für sie immer inakzeptabel bliebe. Aber für den geplanten Tod von Jürgen W. Möllemann spricht nicht allein, dass er eine Viertelstunde nach der Aufhebung der Immunität wie ein Paukenschlag folgte und eine groß angelegte Razzia ihr Ende findet, bevor sie richtig begonnen hatte. Möllemann kannte die gegen ihn laufenden Ermittlungen mindestens gerüchteweise. Der wohl schon seit geraumer Zeit auf ihm lastende Druck, nach dem Verlust der entscheidenden politischen Positionen nun auch noch mit der endgültigen Demontage seiner bürgerlichen Ehre rechnen zu müssen, muss enorm gewesen sein. Alles das dürfte einem Mann, der maßgeblich in politischen und wirtschaftlichen Erfolgskategorien dachte, nur noch als die totale Niederlage erschienen sein.

Und auch zuvor gab es bereits Anzeichen, dass der einstige Kämpfer Möllemann nicht mehr wirklich daran glaubte, die Vertrauensverluste zu beheben und wieder politischen Anschluss an seriöse Mitstreiter zu finden. So legte er ein Enthüllungsbuch vor, in dem er "Klartext" reden wollte. Doch da geht es eher weniger klar als streckenweise bereits äußerst seltsam bis paranoid zu: So stellte er Guido Westerwelle als Erpressungsopfer des Mossad vor, obwohl die vorgelegten Beweise alles anders als nachvollziehbar sind. Auch sich selbst sah er im Fadenkreuz des israelischen Geheimdienstes. Solche konspirationslogischen Wegerklärungen seines eigenen politischen Versagens, das vielleicht sogar entscheidend für die Neuauflage der rot-grünen Koalition war, könnte man als Psychogramm eines Mannes lesen, der für sich kaum noch eine Möglichkeit sah, sein unbestreitbares politisches Talent noch einmal unter Beweis zu stellen. Möllemann sah sich als Opfer der politischen Mächte, zu denen er einst so selbstverständlich gehörte - so sicher er allerdings Neider in der FDP hatte, die ihm alles, nur nichts Gutes wünschten und schließlich mit härtesten Bandagen kämpften, um ihn loszuwerden.

Aufmerksamkeit um fast jeden Preis

Und das ist vielleicht auch die Lehre aus dieser tragischen Geschichte: Man würde sich eine Gesellschaft wünschen, die weniger von diesem ungebrochenen Glauben an politische Kraft, (Selbst)Herrlichkeit und Rücksichtslosigkeit geprägt ist. Man würde sich eine reflektiertere Mediendemokratie wünschen, die sich Politikern aller Couleur versagt, wenn sie bedingungslos machtverliebt auf deren Klaviatur spielen.

Möllemann selbst hat nicht zum wenigstens diesen Stil des Eklats geprägt, Aufmerksamkeit um fast jeden Preis zu erzielen. Hitler als Werbeträger auf Wahlkampfplakaten oder spektakuläre Auftritte mit Libyens Gaddafi etwa waren immer eine Meldung wert, so wenig mehr zu vermelden war als die Botschaft selbst: Jürgen W. Möllemann. Möllemann kannte alle Register medialer Beeinflussung und auch dieser Tod gehört - bei aller Pietät - in diese Kategorie eines medialen Event. Die Art eines Selbstmords ist oft eine Metapher für das, was sich in anderer Weise scheinbar nicht mehr mitteilen lässt. Möllemann, der seine politische Dynamik schon immer mit dem Bild des alerten Fallschirmspringers ineins setzte, nimmt den Absturz wörtlich und vollzieht das, von dem er glaubt, dass es ihm die Gesellschaft angetan hat.

Es ist tragisch, wenn Politik als Beruf den Rückzug in eine nichtpolitische Alltagsexistenz verwehrt. Nun finden die Betroffenheitsreden - auch und gerade von Möllemanns erklärten Feinden - folgenlos lobende Worte für seine einstige politische Statur, seine Bedeutung für den Liberalismus und das politische Leben der Bundesrepublik Deutschland. Hier wäre ein memento mori vorzugswürdig, das daran erinnert, welcher machtverliebte Politikstil für alle Parteien hier zu Lande längst verbindlich geworden ist, auch wenn dessen ruinöse Verlaufsformen selten so tragisch enden wie im Falle des Absturzes von Jürgen W. Möllemann.