Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund

Seite 2: Gut vernetzt in der salafistischen Szene

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Angemeldet wurde die Aktion am Samstag vom "Jugend, Bildung und Soziales e.V.", bzw. von einem Anmelder, der "an den früheren salafistischen Dawa-Ständen der Organisation 'Siegel der Propheten' agierte". Die Organisation wurde gegründet von Erol Selmani und trat durch öffentliche Koranverteil-Aktionen in Erscheinung. "Dawa" bedeutet Missionierung, Bekehrung zum Islam.

Erol Selmani war einer der Aktivisten der Koranverteil-Aktion "Lies". Diese sowie die Organisation dahinter, "Die wahre Religion" (DwR), wurde im November 2016 verboten. Im Namen des Initiators Ibrahim Abou Nagie versuchte der Anwalt Hans- Eberhard Schultz, das Verbot juristisch zu verhindern.

Damit scheiterte er jedoch, bzw. die Klage wurde zurückgezogen, womöglich, weil Abou Nagie sich ins Ausland abgesetzt hatte. Laut LfV-Presseprecher Marco Haase trugen insbesondere Erkenntnisse aus Hamburg zu diesem Verbot bei.

Später tauchten in Hamburg dann "Muslime im Dialog" auf, die mit großen Infoständen die Koranverteil-Aktionen durchführten. Ob diese quasi Nachfolger von Abou Nagies "Lies" waren, oder Trittbrettfahrer, die das offenbar erfolgreiche Geschäftsmodell übernahmen, ist nicht geklärt.

Es ist grundsätzlich schwierig, die salafistischen Strukturen zu durchschauen, weil immer neue Organisationen mit immer neuen Namen auftauchen. Im Grunde aber immer dasselbe tun: Sie versuchen neue Mitstreiter zu rekrutieren und von der Erhabenheit der wahren Religion zu überzeugen, für deren Verbreitung quasi alle Mittel gerechtfertigt und das Opfer des eigenen Lebens nicht zu groß sei.

Laut Bild-Zeitung brachte "die 2017 verbotene 'Lies!'-Kampagne nicht nur Tausende Korane unters Volk. Sie entfaltete auch eine große Sogwirkung auf Salafisten, die hier 'Dawa' betrieben, also Missionierung zum Islam. Der Großteil der deutschen Dschihad-Reisenden dürfte mit der 'Lies!'-Kampagne zumindest in Berührung gekommen sein, viele beteiligten sich aktiv daran".

Trotz aller Verschleierungsversuche sind inzwischen vielfältige Beziehungen bekannt. So gibt es erwiesenermaßen auch Kontakte der Fukran-Gemeinschaft zur inzwischen offiziell verbotenen Hizb ut-Tahrir al-Islami (HuT), einer Abspaltung der Muslimbruderschaft (MB).

Die Partei wurde 1953 in Ost-Jerusalem durch den Richter Taqiy ad-Din an-NABHANI gegründet. Ihre Zielsetzung ist die Errichtung eines weltweiten Kalifats auf Basis der Scharia. Ihre Anhänger rekrutiert sie in Europa vor allem unter Schülern und Studenten. In zahlreichen Schriften befürwortet sie die Anwendung von Gewalt und Terror, vor allem gegen Israel, wobei sie regelmäßig zu einer äußerst antisemitischen Tonlage greift. Dennoch lehnt die Hizb ut-Tahrir eigene Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihrer Ziele bislang ab.

Hamburg.de

Auch diese Organisation strebt ein weltweites Kalifat auf der Grundlage der Scharia an. Diese Organisation wurde 2003 verboten, das Verbot trat 2006 endgültig in Kraft, "die HuT-Anhänger setzten ihre politische Agitation allerdings fort und unterhalten in mehreren Städten, darunter auch in Hamburg, personelle Strukturen, ohne dass ein Organisationsaufbau offen erkennbar ist".

Letztlich sind es ideologische Spitzfindigkeiten oder der Ursprung in unterschiedlichen Ländern, die diese Vereinigungen voneinander unterscheiden. Was sie eint ist die Rückbesinnung auf den Ursprungsislam, ein Gesellschaftsmodell von vor 1.400 Jahren, das sie für gegenwartstauglich, ja sogar für zukunftsfähig halten.

Wie dünn das Eis ist, auf dem sich Allianzen trotzdessen bewegen, beweist das Beispiel der Inhaftierung Aplarslan Kuytuls: Obwohl auch Erdogan Anhänger eines fundamentalen Islamverständnisses ist, ließ er den Furkan-Chef einsperren. Nach dem Motto: Es kann keine weiteren Kalifen geben neben mir