Die Kabulisierung der Berliner Politik

War zuletzt wohl über sich selbst erschüttert: Außenminister Heiko Maas (SPD) Bild: Mahdi Marizad, CC BY 4.0

So wie Vertreter der Regierungsparteien zum Chaos in Kabul herumstammeln, versagen sie bei zentralen Zukunftsthemen

Schon Michail Gorbatschow wusste: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Diese These hat sich die deutsche Bundesregierung zueigen gemacht: Sie hat sich zum Ziel gesetzt, grundsätzlich und immer zu spät zu kommen. Man kann es das Prinzip der Kabulisierung nennen.

Jüngstes Beispiel: Das Gestammel des deutschen Außenministers Heiko Maas (SPD) und der Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zum Zuspätkommen in Kabul ist nur noch peinlich. Beide berufen sich auf Geheimdienste, die vom raschen Sieg der Taliban überrascht worden seien.

Wenn das stimmt: Was sind das für Geheimdienste? Sie heißen wohl so, weil ihnen alles geheim blieb, was jeder Zeitungsleser seit drei Monaten weiß: dass die Taliban schon vor einem Vierteljahr bereits ein Drittel von Afghanistan erobert hatten, vor zwei Monaten die Hälfte des Landes und seit Langem die Eroberung Kabuls fest im Auge hatten.

Alle haben dies gewusst, nur die Geheimdienste angeblich nicht. Wofür bezahlen wir diese dann, wenn sie nach dem Vorbild der drei japanischen Affen arbeiten: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen?

Angehörige der deutschen Botschaft sagen, dass sie das Außenministerium in Berlin seit Wochen vergeblich angefleht haben, rechtzeitig ausgeflogen zu werden. Aber dort hielt man Augen, Mund und Ohren zu – eben wie die drei Affen.

Armin Laschet braucht 30 Jahre

Das zweite Beispiel der Kabulisierung der deutschen Politik: Seit über 30 Jahren warnen Klimaforscher auf der ganzen Welt vor der drohenden Klimakatastrophe.

Doch schon nach dem blamablen Abschneiden der CDU und CSU bei der letzten Europawahl meinte der jetzige Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) sinngemäß, dass dabei "plötzlich das Thema Klimawandel" eine zentrale Rolle gespielt habe. Plötzlich – nach 30 Jahren!

Und nach der Hochwasserkatastrophe in seinem Bundesland Nordrhein-Westfalen sagte er, man könne "wegen eines solchen Tages doch nicht die Politik ändern". Ja, um Himmels willen, Herr Laschet, wann denn dann?

Drittes und verheerendstes Beispiel der Kabulisierung der deutschen Politik: Nicht nur Armin Laschet, sondern auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz halten noch immer am deutschen Kohleausstieg 2038 fest, obwohl wiederum jeder Zeitungsleser weiß, dass damit die deutschen Klimaschutzziele krachend verfehlt werden.

Auch bei dieser Überlebensfrage der Menschheit regieren in Berlin die drei Affen seit 30 Jahren.

Soeben hat eine Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef errechnet, dass durch den Klimawandel eine Milliarde Kinder vom Tode bedroht sind: 1.000.000.000!

Alle diese Themen müssten die Hauptthemen dieses deutschen Wahlkampfes 2021 sein. Doch die Berliner Altparteien schlummern selig und dumpf vor sich hin und wundern sich dann über Politik- und Demokratieverdrossenheit.

Die aktuellen Bilder aus Kabul sind so erschütternd wie die jüngsten Hochwasser- und Feuerbilder der Klimakatastrophe. Der bayerische Musiker und Kabarettist Hans Well nennt die Politik zurecht "kabulesk". Der Hang zum Zuspätkommen ist das Wesensmerkmal dieser Regierung. Bald ist Bundestagswahl. Und dafür ist es noch nicht zu spät.

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