Erdogan und die Türkei-Wahl: Der kranke Mann vom Bosporus

Bild Recep Tayyip Erdoğan: Presindent.ua / CC-BY-4.0 / Grafik: TP

Trotz Dementis: Gesundheit des Präsidenten der Türkei offensichtlich angeschlagen. Wiederwahl in Gefahr. Das sind die geopolitischen Folgen.

Am 1. Mai nahm der türkische Langzeitpräsident Recep Tayyip Erdoğan an einer öffentlichen Vorstellung neuer Militärflugzeuge unweit von Ankara teil. Der Staatschef war sichtlich bemüht, einen agilen Eindruck zu machen – was ihm nur schwerlich gelang. Zu leise war seine Stimme für einen überzeugenden Auftritt, auch sprach er sehr langsam. Das gab den anhaltenden Spekulationen um seinen Gesundheitszustand – direkt vor den bevorstehenden Parlamentswahlen am 14. Mai – neue Nahrung.

Das Drama um den Gesundheitszustand um Erdoğan hatte sich vor einer Woche, am Abend des 25. April, zugespitzt. Ein TV-Interview mit ihm hatte bereits zu spät begonnen und musste 20 Minuten unterbrochen werden. Dann trat der amtierende Präsident mit fahlem Geischt vor die Kamera und entschuldigte sich für den Abbruch. Er habe eine virale Infektion.

Seine Schwäche vor den laufenden Kameras führte er nach eigenen Worten auf seine "intensive Wahlkampfarbeit" zurück. Doch die Medien waren bereits voll von Spekulationen, vom Herzinfarkt bis zum Schlaganfall. Schon vor dieser Eskalation hatten Gerüchte über den Gesundheitszustand Erdoğans die Runde gemacht.

Seit sich der Präsident 2011 einer Darmoperation unterzogen hatte, gab es in unabhängigen türkischen Medien immer wieder Berichte, er leide an Krebs und epileptischen Anfällen. Das Thema ist in der Türkei selbst ein Tabu. Dutzende Journalisten wurden wegen solcher Berichte wegen Verleumdung angeklagt.

Absagen und Auftritte verstärken Spekulationen

Dass die Spekulationen nicht abreißen, daran sind vor allem der sichtbare Zustand des 69-Jährigen und sein Verhalten schuld. Er spricht nun stets bedächtig, bewegt sich schwerfällig. Nichts scheint übrig vom klugen Charismatiker, der die Öffentlichkeit genießt, ständig schier endlose Kundgebungen abhält und 2002 so seine Partei "für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) zum Sieg geführt hat.

Weiterhin dünnt Erdoğan seit dem misslungenen Interview seinen Terminkalender aus. Am 26. April war ursprünglich unter Beteiligung des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Stadt Mersin im Südosten des Landes eine pompöse Veranstaltung angekündigt worden.

Es hätte eine feierliche Zeremonie zur Lieferung der ersten Charge Atombrennstoff an den Standort des AKW Akkuyu sein sollen, das sich im Bau befindet. Und ein Wahlkampfauftritt des türkischen Staatschefs auf internationaler Bühne.

Doch schon im Vorfeld lehnte Putin die Anreise aus Sicherheitsgründen nach Erlass des Haftbefehls durch den Internationalen Strafgerichtshof ab. Seit der Entscheidung in Den Haag vermeidet Russlands Staatsoberhaupt konsequent Auslandsreisen – außer in die von Russland annektierte besetzten Gebiete der Ukraine. Am Ende kam auch Erdoğan nicht und schaltete sich in Mersin nur online dazu. Noch 2018 zur Feier des Baubeginns waren beide Präsidenten persönlich nach Akkuyu angereist.

Nicht nur der Atomkrafttermin fiel in den letzten Tagen kurzfristig aus, so dass es trotz heißem Wahlkampf seit dem Interview vor einer Woche nur zu drei öffentlichen Auftritten Erdoğans kam.

Zum ersten Mal am Samstag, vier Tage nach dem Interview, als er das neue türkische Automodell Togg bei einem Technologiefestival in Istanbul zusammen mit seinem Amtskollegen Ilham Aliyev aus Aserbaidschan fuhr.

Am Tag darauf nahm Erdogan an eine großen Kundgebung in Ankara teil und gab dem nationalen Sender TRT Türk ein Interview, gestern kam er dann zu den neuen Militärflugzeugen. Doch ob er sich schwächlich zeigt oder fernbleibt – mit beiden Methoden überzeugt er die Zweifler unter den Türken nicht, die nicht so recht wissen, ob der sichtbar alt und krank gewordene Präsident in der Lage ist, den Staat mit seinen 85 Millionen Bewohnern weiterzuführen.