Im Hier und Jetzt gelandet

Auch in William Gibsons Welt wird die Gegenwart immer breiter

Der folgende Beitrag ist vor 2021 erschienen. Unsere Redaktion hat seither ein neues Leitbild und redaktionelle Standards. Weitere Informationen finden Sie hier.

Entgegen landläufiger Meinung ist William Gibson alles andere als ein Revolutionär. Zwar hat der Erfinder des (literarischen) Cyberspace früher als andere dem Sci-Fi-Genre neue Gegenstände und Themenfelder erschlossen; noch bevor der virtuelle Raum im Bewusstsein breiter Massen angekommen war, hat er schon Geschichten vom "Einstöpseln" in andere Gehirne und von biotechnischen Implantationstechniken erzählt und so manchen lockeren Geist und Kunstbeflissenen wie die Wachowski-Brüder dadurch zu erkenntnistheoretischen Spielereien verleitet, die den cartesianischen Zweifel aufs Neue nährten. Doch blieben viele seiner Helden und Heldinnen, wie selbstverständlich sie sich auch in den Daten generierten Welten bewegten, andere Bewusstseine anzapften oder die Macht multinationaler Biokonzerne bekämpften, stets mit einem Bein in der alten Welt. Neben individuellen Sorgen und Nöten zeichneten sie sich häufig durch ganz spezielle Marotten aus, die sie als Wesen mit menschlichen Zügen kenntlich machten, was auf Leser sympathisch wirkte.

Nur die Verletzung spricht wortlos im Dunkel.

William Gibson, Mustererkennung

So auch in "Mustererkennung", seiner neuesten Erzählung (soeben bei Klett-Cotta erschienen), in der die Heroine Cayce Pollard ständig mit den Folgen des Jetlags zu kämpfen hat, den sich die Zweiunddreißigjährige auf ihrer Reise nach London eingefangen hat und den sie auf ihren weiteren Trips nach Tokio und Moskau nie mehr los werden wird.

Von einer unheimlichen Rast- und Ruhelosigkeit befallen, kommt "ihre Seele" mit dem dauernden Wechseln der Zeitzonen, Geografien und Kulturen nicht mehr mit. Obwohl sie sich immer wieder bei Starbucks mit Kaffee eindeckt, um einen gewissen Level an Wachheit und Aufmerksamkeit zu halten, lebt dieser emotionale Teil ihres Ichs nur noch in der zeitlichen Verzögerung. Die Seele hinkt dem Körper sozusagen hinterher. In vielerlei Hinsicht erinnert Cayces Leiden an etliche Szenen und Situationen, die Sofia Coppola in "Lost in Translation" meisterhaft umgesetzt hat.

No Logo

Im Roman verkörpert CayceP eine junge, selbstständige US-Verkaufsberaterin. Ohne festes Gehalt im New York des Jahres 2002 lebend, kann sie jedermann gegen Honorar für eine ganz konkrete Aufgabe verpflichten. Was die "Kurzzeit-Söldnerin" hingegen besonders attraktiv macht, ist weniger ihr Aussehen oder Charme als ihr einzigartiges sensorisches Talent: Sie kann nämlich durch die bloße Inaugenscheinnahme von Dingen vorhersagen, welche Marken, Symbole und Images auf dem Markt "gehen" werden oder nicht. Diese Eigenschaft ist für Hubertus Bigend, einem Großmogul der globalen Marketing-Szene, Grund genug, sie anzuheuern und für eine spezielle Aufgabe nach London zu locken.

Doch schon zeigt diese Fähigkeit auch ihre Kehr- und Schattenseiten. Das emotionale Anspringen auf besondere Grund- und Verhaltensmuster hat bei ihr zu einer Phobie geführt. Auf bestimmte Marken, Tommy Hilfiger Klamotten und Louis Vuitton Taschen etwa, oder wenn sie die "schrecklichen Augen" des Michelin-Männchens anstarren, reagiert sie sofort allergisch und bekommt Panikanfälle. Eine Therapie, der sie sich seit geraumer Zeit unterzogen hat, sorgt nicht unbedingt für Abhilfe.

Zudem ist sie, genervt und misstrauisch ob der vielen uneingelösten Versprechungen, die die Branche ihrer Kundschaft in den letzten Jahren gemacht hat, dazu übergegangen, sämtliche Logos von ihren Jacken, Hosen und Shirts zu entfernen. Damit schwimmt sie nicht nur völlig auf der Linie Naomi Kleins, Cayce wird so, ungewollt zwar, auch zur exzentrischen Trendsetterin, die No-Name Products trägt. Solche Cayce Pollard Units, die ihr Freund Damien liebevoll CPUs nennt, haben die Farben schwarz, weiß oder grau und spiegeln in ihrem "konsequenten Minimalismus", wie Gibson versichert, die "Elementarform von Basics" wieder.

Welche Kapriolen dieser neue Dresscode zeitigen kann, beweist der Hype, der um die Buzz-Rickson-MA-1 Lederjacke entstanden ist, die Cayce trägt. Im Buch ist deren Farbe schwarz. In Wirklichkeit gibt es sie aber nur in grün. Seitdem das Buch auf dem Markt ist und dieses japanische Imitat einer US-Fliegerjacke aus dem Zweiten Weltkrieg dort zum Kultobjekt avanciert ist, wird sie mittlerweile auch in der Farbe schwarz angeboten, in limitierter Auflage versteht sich, für über 400 Dollar.

Gegenwartsbesessenheit

Allein daraus erkennt man schon, dass Gibson das Genre gewechselt hat. Von der Zukunft ist er in die Gegenwart zurückgekehrt. Die Protagonisten, die Gibson uns präsentiert, sind alle radikal aufgeklärt. Keine Zukunftsvision kann sie mehr bewegen, weder der Kapitalismus noch der Sozialismus.

Alles, was Lenin uns über Kommunismus gelehrt hat, war Unwahrheit; und alles, was er uns gelehrt hat über Kapitalismus, ist Wahrheit.

Wo solche Nüchternheit, Desillusioniertheit und Skepsis herrschen und nur noch der Rubel zählt, ist für Utopien kein Platz mehr. "Risikomanagement" und der "Spin des Momentanen" sind an die Stelle gemeinschaftlicher Visionen getreten. Statt Ausflüge in eine imaginäre Zukunft, dominieren jetzt realistische Erzählstränge.

"Wir haben keine Zukunft mehr", sagt der Marketing-Direktor Bigend zu Cayce bar jeder Illusion, "jedenfalls nicht in dem Sinn, wie unsere Großeltern eine hatten oder zu haben glaubten." Dafür sei unsere Gegenwart viel zu flüchtig geworden.

Woher wir kommen, ist Fiktion; wohin wir gehen, wissen wir nicht.

Der historische Moment, der uns ins Hier und Jetzt zurückkatapultiert hat, verkörpert für Gibson der Einsturz der beiden Türme. "Als sie zusammenbrachen", formuliert Gibson durch den Mund Bigends, "haben wir geblinzelt und gezittert und sind in dem Augenblick zurückversetzt worden. Seitdem ist tatsächlich nichts mehr, wie es war."

Damit folgt auch Gibson einem Trend, den andere Kollegen zuvor schon vollzogen haben. Sie streichen die Fiktion aus ihrer Science und interessieren sich stattdessen wieder mehr für das, was gerade oder in der Vergangenheit passiert ist. Bei Bruce Sterling, der die realistischen Möglichkeiten der Gen- und Nanotechnologie erkundet, oder bei Neal Stephenson, der die Auswirkungen der wissenschaftlichen Umwälzungen auf das soziale Milieu vergangener Jahrhunderte analysiert, kann man das gut festmachen.

Globales Marketing

Das Feld, das Gibson neu beackert, ist die Marketingkultur. Seit Jahren steckt sie wesentlich "mehr Energie in die Vermarktung von Produkten als in die Produkte selbst". Trotz des Platzens der Internet-Blase und des New Economy-Hypes glaubt sie tatsächlich immer noch felsenfest daran, dass sich Gemeinschaften, Kommunikationen und Lebensformen über die Aufmerksamkeitsökonomie lenken und steuern lassen.

Doch wie die Auto-, Computer- und Chipindustrie auch ist die Werbebranche mittlerweile in eine strukturelle Krise größeren Ausmaßes geschlittert. Auch sie ächzt unter einem Mangel an Einfällen und einer Überfülle von Produkten und Markennamen, die auf dem Markt kursieren, aber viel zu wenige Abnehmer finden. Hinzu kommt, dass diverse Versprechungen und Verheißungen, mit denen Marketingspezialisten Kunden zum Kauf animieren, nicht mehr funktionieren. Kein Wunder, dass die Branche wie gelähmt wirkt und auf den "tipping point" wartet, der schlagartig eine neue kulturelle und Generationen spezifische Zeitenwende einleitet.

Trendscouts wie Cayce, die sich in der Szene aufhalten, viel über product placing wissen (oder vorgeben es zu wissen) und in der Lage sind, Gruppenverhalten und Verhaltensstrukturen nach "cool" und "uncool" zu unterscheiden, sind darum heiß begehrt. Um diesen Umschlag nicht zu versäumen und als erster auf dem Markt präsent zu sein, greifen Firmen schon mal tief in die Tasche und zahlen für solche Informationen horrende Salärs.

Bigend, Wunderkind der Branche, der einen rotbraunen Hummer stolz und selbstsicher über die Straßen Londons steuert, hat diese Entwicklung bereits geschnallt. Ohne festen Mitarbeiterstamm, "global präsent, eher postgeografisch als multinational", wie Gibson betont, profiliert sich seine Agentur als "hocheffiziente Lebensform" und "Werbebiotop" inmitten eines Meers von schwerfälligen Werbekannibalen.

Längst beobachtet der Mittdreißiger Bigend "die Märkte der Post-Singularität". In den Foren und Chatrooms vernetzter Strukturen, wo Sekten, Subkulturen und jede Menge abseitig veranlagter Personen ein Stelldichein geben, hält er verstärkt Ausschau nach der Funktionalität der Dinge. Der globale PR-Protagonist meint erkannt zu haben, dass man den Verbraucher nur erreicht, wenn man ihn auch auf den abwegigsten Pfaden folgt. Werbung kann mithin nur dann überleben und ihre volle Wirkung entfalten, wenn sie direkten Zugang zu Kunden hat, deren Wünsche und Träume "erfühlt" und eine Symbiose mit dem unterhaltenden Genre eingeht.

Cyberspace ist out

Auffallend ist, dass der Cyberspace hier zu einer Teilmenge des Marketings geschrumpft ist. Von den hochfliegenden Träumen, die auch Gibson einst an ihn geknüpft hat, sind allenfalls das Bloggen von Nachrichten sowie das Tratschen über abstruse Themen in special interest Foren übrig geblieben.

Solche sektenhaft strukturierten Subkulturen sind denn auch zum bevorzugten Gelände für Leute wie Cayce geworden. An diesen intimen Orten und Plätzen machen sie die neuesten Trends ausfindig, spionieren die künftigen Verhaltensmuster aus und probieren ihre Theorien, Prognosen und Modelle aus. Hier, in diesen Quatschbuden, wo das Abseitigste erörtert oder gehypt wird, verbreiten sich Informationen wie Viren; hier tummeln sich Paranoiker und Schizos aller Art und finden Verschwörungstheoretiker ihre Kundschaft; hier kommt es zu neuen Parteiungen, die sich abseits traditioneller Grenzen formieren; und hier finden die schlimmsten Wortgefechte statt, die häufig mit dem virtuellen Morden (flaming) enden.

In der teilnehmenden Beobachtung und im Studieren des Gruppenverhaltens der digitalen Schwätzer, hoffen außer Werbefritzen auch Geheimdienstler und andere verdeckt ermittelnde Ermittler das zu finden, was ihnen die gängigen Marktplätze des Alltags meist verheimlichen. Bigend weiß das. Weswegen er die Besucherzahlen solcher Fansites durchchecken lässt, während andere sich unter Fantasienamen in die anonymisierten Kommunikationen einloggen, um dort den einen oder anderen Versuchsballon zu starten, um Ansichten, Gruppenmuster oder das Kaufverhalten der User auszuspähen.

Paranoia ist in

Der Plot als solcher ist schnell erzählt. Im Internet sind Filmschnipsel aufgetaucht, deren Zusammenhang und Sinn dunkel und rätselhaft bleibt. Klar ist nur, dass sie in den Foren des Netzes emotionale Besessenheit auslösen, aber auch ein tiefes Bedürfnis danach, dieses Geheimnis zu ergründen. Schon haben sich Fraktionen gebildet, die sich nach dem Carl Schmitt'schen Freund-Feind-Schema gruppieren.

Diese Aufregung, die rund um die Clips entstanden ist, ruft Bigend auf den Plan. Sie verleitet ihn dazu, Cayce auf die Spur der Urheber und Verteiler der Clips zu setzen. Was ihn interessiert, ist weniger der Inhalt als vielmehr die Aufmerksamkeit und emotionale Wirkung, die die geheimnisvollen Clips bei den Konsumenten auslösen. Für den Reklame-Mogul stellen die Clips nicht bloß "das cleverste Beispiel für gutes Marketing, das dieses Jahrhundert bislang erlebt hat" dar, sondern auch "die erfolgreichste Guerilla-Marketing-Aktion aller Zeiten." Für Cayce hingegen, die selbst Forumsteilnehmerin ist und sich nach einigem Zögern dafür breit schlagen lässt, wird dieser Auftrag zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Seit 9-11 ist ihr Vater, der im Nebenberuf für die CIA gearbeitet hat, spurlos verschwunden. Keiner weiß genau, ob er noch lebt oder doch schon tot ist. Bekannt ist nur, dass er am Tag des Attentats zuletzt gesehen ward.

Wie Gibson die Story entwickelt, ist größtenteils spannend umgesetzt. Sie zieht den Leser von Beginn an in seinen Bann. Sogar dann noch, wenn die Erzählstränge zusammenlaufen und die teilweise bescheuerte Lösung des Ganzen präsentiert wird. In vielerlei Hinsicht erinnert "Mustererkennung" an Thomas Pynchons paranoide Erzählgänge, an "Gravity's Rainbow" ebenso wie an "The Crying of Lot 49". Doch von dessen Klasse ist das Buch trotz der Spannung, die es vermittelt, meilenweit entfernt.

Das Verschwörungsdrama, das Gibson entwirft, erinnert eher an die oft ebenso abstruse WTC-Conspiracy, die Matthias Bröckers seit einigen Jahren in loser Folge präsentiert. Bei Gibson ist es nicht Bush, die Ölindustrie und die CIA, die die Welt zum Narren hält, sondern ein weithin unterschätzter Oligarch, die russische Mafia (natürlich) und gegenseitig sich blockierende Geheimdienste. Wer da eine Anspielung an die Selbstblockierungen der US-Dienste im Vorfeld des Anschlags auf das World Trade Center vermutet, liegt sicherlich nicht vollkommen daneben.

William Gibson, Mustererkennung, Klett-Cotta: Stuttgart 2004, 24.60 Euro