Jemen: Die vergessene Hölle

Sana'a, Jemen, März 2016. Bild: Fahd Sadi/CC BY 3.0

Krieg, Hungersnot, Cholera, eine Heuschreckenplage und Krankenhäuser ohne Strom: Die Rüstungsunternehmen verdienen

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Während ein großer Teil der Welt gegenwärtig mit dem Coronavirus kämpft und dazu gezwungen ist, den sozialen Kontakt einzudämmen und zu Hause zu bleiben, tobt im Jemen weiterhin ein gnadenloser Krieg.

Nicht die Spur einer intakten Infrastruktur

Es ist bereits fünf Jahre her, dass Saudi-Arabien den illegalen Angriffskrieg gegen seinen südlichen Nachbarn startete, wobei das Königreich auch durch die NATO-Länder USA, Frankreich und Großbritannien unterstützt wird.

Deutschlandfunk Kultur berichtet von über 200.000 Toten seit 2015. Die Dunkelziffer dürfte weitaus größer sein. Es gibt nicht die Spur einer intakten Infrastruktur im Jemen, das schon vor dem Krieg eines der ärmsten Länder der Welt war.

Laut den Vereinten Nationen handelt es sich bei dem Konflikt um die schlimmste humanitäre Krise der Welt. Umso erstaunlicher ist es, dass vergleichsweise wenig im Westen darüber berichtet wird, obgleich die westlichen NATO-Länder USA, Frankreich und Großbritannien maßgeblich an den dortigen Verhältnissen die Mitschuld tragen.

So führten die Luftangriffe, die mit Eurofighter und Mk-80-Bomben durchgeführt wurden, zur Tötung zahlreicher unschuldiger Zivilisten und zur Zerstörung von Schulen und Krankenhäusern. The Guardian berichtet, dass Krankenhäuser und Ärzte im Jemen von den Kriegsparteien des Konflikts mindestens 120 Mal (zwischen März 2015 und Dezember 2018) angegriffen wurden.

Es sind also auch europäische Rüstungskonzerne, die von dem Krieg profitieren. Dennoch ist die westliche Berichterstattung über die Lage des Landes mangelhaft. Das humanitäre Völkerrecht wird von allen Kriegsparteien auf erschreckende Art und Weise weitgehend ignoriert.

Epidemien, Plagen und Hungersnot

Der Klimawandel schuf ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Heuschrecken im Horn von Afrika, weshalb zahlreiche afrikanische Länder seit 2019 mit massiven Heuschreckenplagen zu kämpfen haben. Die Insekten konnten sich auch auf der arabischen Halbinsel ausbreiten, wodurch der Jemen von einer weiteren Krise betroffen ist. Die Schwärme der Wüstenheuschrecken unter den gegenwärtigen Kriegsbedingungen unter Kontrolle zu bringen, dürfte eine Sache der Unmöglichkeit sein.

Hierdurch nimmt die Hungersnot noch weiter zu, da die Insekten die Erntegebiete befallen, die ohnehin mangelhaft im Wüstenland sind. Zuvor verhängte Saudi-Arabien bereits eine umfassende Seeblockade, was ebenfalls dazu geführt hat, dass die Bevölkerung an Hunger leidet. Der Jemen ist nämlich stark auf den Import von Lebensmitteln angewiesen.

Weiters kämpft das arme Land mit großen Wellen von Pandemien. So waren laut den Zahlen der WHO im April 2019 knapp 1,7 Millionen Cholera-Verdachtsfälle gemeldet. Götz Gerresheim von Ärzte ohne Grenzen berichtet in einem Interview mit der Deutschen Welle außerdem von einer großen Anzahl an Patienten mit multi-resistenten Keimen, wogegen Antibiotika wirkungslos sind. Diese Art der Infektion führe zwangsweise zum Tod der Patienten.

Covid-19

Offiziell sind noch keine Coronavirus-Fälle im Jemen bekannt gegeben worden. Allerdings liegt dies wohl vor allem daran, dass das Gesundheitssystem dort nicht vorhanden ist, um diese weitere Pandemie zu identifizieren.

Obgleich es immer noch einige Stimmen gibt, die den Virus verharmlosen, zeigen die gegenwärtigen Ereignisse, dass Covid-19 eine ernstzunehmende Bedrohung ist - nicht nur für Länder, die keinen funktionierenden Gesundheitssektor aufweisen. In den letzten Tagen haben die Behörden im Jemen Schritte unternommen, um die Ausbreitung von Covid-19 im Land zu verhindern.

Sowohl die Huthi-Rebellen als auch die international unterstützte Regierung haben Flüge eingestellt und Reisende zur Selbstquarantäne aufgefordert. Allerdings sind diese Maßnahmen für solch ein instabiles Land leider nicht ausreichend. Das Gesundheitssystem Jemens ist noch lange nicht bereit, fortgeschrittene Vorbereitungen für eine Pandemie in Angriff zu nehmen.

Krankenhäuser, die mit Strom versorgt werden, sind bereits eine Seltenheit. Alle Kriegsparteien (sowohl die saudischen Luftstreitkräfte und die von ihnen unterstützte jemenitische Regierung als auch die Rebellenarmee der Huthis, die die Hauptstadt Sanaa im Norden besetzen) haben gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen, indem sie wiederholt die Infrastruktur des Gesundheitswesens und medizinisches Personal angegriffen haben.

Während manche im Westen verzweifelt Hamstereinkäufe tätigen und dabei Desinfektionsmittel und Klopapier auskaufen, gibt es in vielen jemenitischen Gebieten nicht einmal Seife zu kaufen oder verfügbares Trinkwasser. Leider gibt es noch immer keine Spur der Hoffnung für die katastrophalen Umstände des Landes.