"Nichts, worüber Menschen entscheiden, ist unvermeidlich"

Seite 2: Wir dürfen den Menschen aus der Entscheidung über Leben und Tod nicht herausnehmen

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Es wird oft gesagt, dass die USA, Israel und Großbritannien, vielleicht auch andere Länder, bereits über bewaffnete Roboter verfügen. Das müssten wir als unabänderlich hinnehmen, weil sie kaum dazu bewegt werden könnten, ihre Roboter wieder zu entwaffnen.

Jody Williams: Die Drohnen fliegen zwar teilweise autonom. Es gibt aber einen Menschen, der auf der Creech Airforce Base in Nevada vor einem Bildschirm sitzt und das Geschehen verfolgt. Dieser Mensch trifft die Entscheidung darüber, ob ein Ziel angegriffen werden soll oder nicht. Er drückt den Knopf, der die Hellfire-Raketen abfeuert. Die Drohne fliegt nicht herum und sucht sich die Ziele selbst aus.

Noch nicht.

Jody Williams: Sicher, aber das ist die Linie, an der wir stoppen müssen. Wir dürfen den Menschen aus der Entscheidung über Leben und Tod nicht herausnehmen. Ich halte das für sehr klar. Wo ist das Problem?

Das Problem ist, dass mit der Bewaffnung fliegender Roboter bereits ein Wettrüsten in Gang gesetzt worden ist, das zwangsläufig auf autonom feuernde Roboter hinauslaufen wird.

WILLIAMS: Deswegen will ich sie stoppen. Sie wollen uns einreden, dass die Entwicklung unvermeidlich sei. Aber nichts, worüber Menschen entscheiden, ist unvermeidlich. Deswegen sollten Journalisten weiter darüber berichten. Deswegen muss die Zivilgesellschaft verstehen, was einige Regierungen da vorhaben. Es wäre bahnbrechend, wenn Deutschland den Mut hätte, ein nationales Gesetz gegen diese Waffensysteme zu verabschieden. Wenn das nicht geschieht, heißt das, dass die militärischen und politischen Führer sich das Recht vorbehalten wollen, sie doch zu nutzen, sobald die USA oder andere sie anbieten.

Beim Pressegespräch vorhin haben Sie den offenen Brief gegen Killerroboter erwähnt, der bei der KI-Konferenz IJCAI von mehr als 2.000 KI-Wissenschaftlern sowie mehr als 15.000 anderen Personen unterzeichnet worden ist. Diese Erklärung nahm die heutigen ferngesteuerten Drohnen ausdrücklich aus. Das wurde in vielen Kommentaren als Billigung interpretiert, als seien diese Systeme grundsätzlich in Ordnung.

Jody Williams: Mein Mann leitet die Waffenabteilung bei Human Rights Watch und ich habe ihn in den letzten Jahren immer wieder gedrängt, etwas gegen Drohnen zu unternehmen. Er hat gefragt, was für einen Unterschied es macht, ob der Pilot, der die Entscheidung über den Waffeneinsatz trifft, an Bord eines Kampfflugzeuges sitzt oder in einer Station am Boden. Wenn die Maschine selbst entscheidet, ist das etwas völlig anderes. Wir wollen nicht, dass das passiert. Deswegen sind die heutigen Drohnen ausgeklammert, denn sie werden noch von Menschen kontrolliert.

Einige Organisationen, die sich an unserer Kampagne gegen Killerroboter beteiligen, wenden sich auch gegen Drohnen. Aber wir sagen sehr deutlich, dass Drohnen nicht die Killerroboter sind, die wir verhindern wollen. Vielleicht ist es Haarspalterei. Ich habe Jahre gebraucht, um es zu verstehen.

Jody Williams im Gespräch mit Hans-Arthur Marsiske. Bild: Mazda

Ich denke, wir werden die Entwicklung von Killerrobotern nur verhindern können, wenn wir auch die Drohnen entwaffnen. Aber ist die militärische Nutzung von Robotern nicht ohnehin Teil von etwas Größerem? Künstliche Intelligenz und Roboter werden auch die zivile Gesellschaft grundlegend umwälzen.

Jody Williams: Ich arbeite daran, mein Land zu demilitarisieren. Daher konzentriere ich mich auf Waffen. Aber ich bin mir bewusst, dass da noch mehr passiert. Stephen Hawking und Elon Musk hatten schon vor dem offenen Brief gegen Killerroboter davor gewarnt, dass künstliche Intelligenz sich der Kontrolle des Menschen entziehen und unkontrollierbar werden könnte. Ich teile ihre Besorgnis.

Ich auch. Deswegen plädiere ich dafür, mit Robotern so umzugehen, als wären sie leidensfähige Lebewesen. Denn mit den Technologien, die wir heute entwickeln, schaffen wir möglicherweise die charakterlichen Grundstrukturen einer zukünftigen Superintelligenz.

Jody Williams: Ich befürchte, dass Technologie Menschen dazu bringt, Dinge zu tun, die sie lieber gelassen hätten, wenn sie etwas mehr darüber nachgedacht hätten. Sobald ein Kleinkind einen Gegenstand halten kann, bekommt es von vielen Eltern ein technisches Gerät, mit dem es spielen kann. Inzwischen zeigen Langzeitstudien, dass die Entwicklung des Gehirns dadurch beeinflusst wird. Aber es ist cool, es zeigt, was man sich leisten kann, und das Kind ist beschäftigt. Über die Wirkung wird wenig nachgedacht.

Mir scheint, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, mit sich allein zu sein. Sie finden in sich selbst nicht den Raum, um sich wohlzufühlen. Ich fürchte, diese Maschinen verstärken das. Menschen, die sich allein unwohl fühlen, empfinden sie als wohltuend. Wo auch immer du bist, du kannst dich mit all deinen Freunden auf Facebook unterhalten. Ich sehe junge Frauen mit Stöpseln im Ohr, die beim Trainieren im Park Musik hören und verstehe nicht, wie sie sich so von der Welt um sie herum abschotten können. Ist ihnen nicht bewusst, wie riskant das ist? Wir isolieren uns immer mehr von der physischen Welt. Das halte ich für unnatürlich.

Im Pressegespräch haben Sie beklagt, dass bei Berichten über Terrorismus und Kriegsflüchtlinge die Vorgeschichte zumeist ausgeblendet wird. Es wird gerne übersehen, dass wir die Krisen, mit denen wir heute kämpfen, selbst hervorgebracht haben. Mir scheint, das betrifft nicht nur die jüngere Zeitgeschichte, sondern reicht mindestens 500 Jahre zurück. Völkermord und Sklavenhandel als Fundament unserer Kultur haben keinen prominenten Platz im kollektiven Bewusstsein.

Jody Williams: Nein, das passt nicht in die Erzählung. Jede Nation schafft sich einen Mythos über sich selbst. Bei uns ist es die Mayflower, mit der die Siedler nach Amerika kamen. Mit so einem Schiff über den Ozean zu segeln, war zweifellos mutig. Die Ureinwohner, die vor ihnen da waren und die vertrieben und ermordet wurden, um sich ihr Land anzueignen, kommen in der Geschichte jedoch nicht vor.

Ich weiß nicht, wie heute in der Schule damit umgegangen wird. Zu meiner Zeit galt es noch als "manifest destiny", als göttliche Bestimmung der Pilgrim Fathers, sich auszubreiten und das von Gott gegebene Land in Besitz zu nehmen. Einige Idioten glauben den Mist heute noch. Die Menschen, die schon da waren, waren Wilde. Wir hätten sie ja gerne zivilisiert, aber sie wollten nicht. Da haben wir sie umgebracht und in Reservate gesteckt. Waren Sie schon mal in so einem Reservat?

Nein.

Jody Williams: Wenn Sie die Dritte Welt mitten in den USA erleben wollen, gehen Sie in die Pine Ridge Reservation in South Dakota. Das haut Sie um. Es ist erschreckend. Aber es wird nicht gelehrt. Warum sollte man die Öffentlichkeit mit dem Gedanken beunruhigen, dass die Nation aus Völkermord erwachsen ist? Stattdessen mythologisieren wir unsere Geschichte mit manifest destiny und den Pilgrims.

Aber um Flüchtlinge als Frucht unserer eigenen Handlungen zu erkennen, müssen wir nicht so weit zurückgehen. Die Probleme im Mittleren Osten sind das Ergebnis jüngerer kolonialistischer Interventionen, erst von den Briten, dann von den USA, zuletzt mit George W. Bush's persönlichem Krieg gegen den Irak. Wir erklären Menschen zu Terroristen, die wir zuvor selbst terrorisiert und aus ihren Ländern vertrieben haben. Auch darüber denken wir nicht so gerne nach.

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