Verschwörungsmythen und ein Kampfbegriff

Seite 2: "Wie ein Virus": Wenn Massenmedien "Haltet den Dieb" schreien

All das blieb nicht ohne Wirkung: "Im NSU-Prozess grassieren Verschwörungstheorien. Jetzt soll der Verfassungsschutz von Morden gewusst und sie nicht verhindert haben", empörte sich die Spiegel-Reporterin Gisela Friedrichsen im März 2015 unter der Überschrift "Wie ein Virus". Aus ihrer Sicht von dem "Virus" befallen waren nicht nur Blogger, Journalistinnen und Aktivisten, sondern auch Anwälte der Nebenklage und letztendlich die Geschädigten, die wissen wollten, wer aus welchen Gründen in die Tötung ihrer Angehörigen verstrickt war. Der Kampfbegriff "Verschwörungstheorie" wirkte hier eindeutig antiaufklärerisch.

Berechtigte Fragen und grober Unfug

Zugleich gab es aber im Fall des NSU auch ganz andere Verschwörungstheorien, die erkennbar dazu dienten, den Verdacht erneut auf das Umfeld der Opfer und möglichst auf "ausländische" Strukturen zu lenken, um die rechte Szene weitgehend reinzuwaschen. Der Blogger "Fatalist" und sein "Arbeitskreis NSU" leakten dazu selektiv ältere Aktenteile, griffen zum Teil überholte Ermittlungsansätze auf und interpretierten die zahlreichen Widersprüche in ihrem Sinn. Tenor: Alles Fake. Nazis (egal ob mit oder ohne Geheimdienstbezug) waren nach dieser Lesart überhaupt nicht an den Morden beteiligt. Der NSU, falls es ihn gab, habe maximal Banken ausgeraubt, aber doch nicht aus rassistischen Gründen getötet, nur weil die Untergetauchten aus einem Milieu kamen, in dem jahrelang rassistische Gewalt propagiert worden war.

Der "Arbeitskreis NSU" sorgte mit einem Schreiben an den Innenausschuss des Bundestags für einigen Wirbel und sprach darin von Beweismittelfälschungen, ging aber nicht sehr geschickt und breitenwirksam vor: Er nutzte ebenso wie der NSU die Comicfigur Paulchen Panther als Markenzeichen; und "Fatalist" verriet seine Gesinnung unter anderem dadurch, dass er in seinem Blog bürgerlich-demokratische Medien als "linksversifft" bezeichnete und mit Beleidigungen wie "Schreibnutte" um sich warf.

Allerdings vermischte die "Fatalist"-Gruppe auch berechtigte Fragen mit grobem Unfug. So erreichte sie immerhin, dass es schwieriger wurde, zum NSU-Komplex überhaupt noch kritische Fragen zu stellen, ohne in eine unseriöse Ecke gestellt zu werden. Sollte genau das ihr Auftrag gewesen sein, hätten auch die Pöbeleien einen tieferen Sinn gehabt, aber das wäre ja schon wieder eine Verschwörungstheorie.

"Sieg oder Walhalla"?

Ungeklärte Fragen und Mysterien, die reichlich Interpretationsspielraum bieten, gab und gibt es im NSU-Komplex reichlich. Zum Beispiel, warum Mundlos und Böhnhardt, die mehrere Kurz- und Langwaffen besaßen, zu ihrem letzten Banküberfall ausgerechnet die Dienstwaffe der 2007 ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter mit nach Eisenach genommen hatten, obwohl sie diese Waffe dort nicht brauchten und ohne sie im Fall einer Festnahme vielleicht gar nicht mit dem Mord an der Beamtin in Verbindung gebracht worden wären. Die gängige Erklärung lautet, dass sie auf gar keinen Fall in den Knast wollten, egal wie kurz oder wie lang: Ihr Motto sei eben "Sieg oder Walhalla" gewesen.

Andere Theorien, Mythen und Legenden wurden aber auch die durch eine nicht ganz regelkonforme Tatortarbeit der Polizei in Eisenach befeuert. Hinzu kamen Zeugenaussagen, dass kurz nach dem versuchten Doppelmord an Kiesewetter und ihrem Kollegen 2007 in Heilbronn blutverschmierte Personen in Tatortnähe gesehen worden seien, die weder Mundlos noch Böhnhardt ähnelten.

Allerdings ähnelten sie zum Teil Personen aus der lokalen Neonaziszene, von denen wiederum nicht auszuschließen ist, dass sie auch mal V-Leute waren. Die Szene zu entlasten, schien aber bei "Fatalist" und seiner Clique stets oberstes Gebot zu sein, während sie behaupteten, anders als "die Antifa" nur ergebnisoffene Aufklärungsarbeit leisten zu wollen.

In einem fünfjährigen Prozess wurde Zschäpe als Mittäterin zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie hatte zunächst lange geschwiegen und in ihrer Aussage aus der "Trio"-Theorie der Anklage letztendlich eine Duo-Version gemacht, indem sie ihre eigene Rolle als gleichberechtigte Planerin bestritt und sich als unglücklich in Böhnhardt verliebtes Anhängsel darstellte, dem all die Morde zuwider gewesen seien. Die meisten Anwältinnen und Anwälte der Nebenklage waren dagegen überzeugt, dass der NSU ein größeres Netzwerk von Neonazis mit und ohne Geheimdienstbezug gewesen sein muss. Insofern hätte Zschäpe mit ihrer Aussage sowohl die Szene als auch den Geheimdienst geschützt.

Wem nützt es – und wer könnte es einfacher haben?

Zur ersten Plausibilitätsprüfung, der Theorien und Hypothesen auf der Basis von "Wem nützt es?" standhalten sollten, gehören ein paar einfache Fragen, mit denen sich offensichtlicher Nonsens ausschließen lässt. Zum Beispiel: Könnten er oder sie es auch einfacher haben? - Sprich: Warum sollten mögliche Profiteure von Gewalt und Chaos Mitgliedern einer gewaltbereiten und gewaltverherrlichenden Szene mit großem Aufwand und gefälschten Beweismitteln Gewalttaten anhängen? Wenn man sie doch nur ein bisschen anstupsen muss, damit sie aktiv werden? Vielleicht reicht ja sogar Wegschauen. Das gilt übrigens für Dschihadisten wie für Nazis.

Zu viele Mitwisser verderben die Verschwörung

Und: Wie groß wäre die Zahl der nötigen und potenziellen Mitwisser und somit das Risiko, dass die Verschwörung auffliegt? – In welchem Zeitraum eine Verschwörung mit einer bestimmten Anzahl von Mitwissern mit hoher Wahrscheinlichkeit auffliegen würde, lässt sich laut David Robert Grimes von der University of Oxford mathematisch berechnen.

Er hat dazu 2016 eine Formel aufgestellt und drei aufgeflogene Verschwörungen als Datengrundlage herangezogen: Die 2013 von Edward Snowden aufgedeckten massenhaften Ausspähaktivitäten der Geheimdienste, den FBI-Forensik-Skandal von 1998, bei dem die Bundespolizei der USA offenbar mit falschen Haaranalysen Unschuldige in die Todeszelle gebracht hatte, und das Tuskegee-Syphilis-Experiment, das 1972 publik wurde. In den 1940er-Jahren hatten die US-Gesundheitsbehörden Afroamerikaner mit Syphilis während eines Forschungsprojekts nicht mit Antibiotika behandeln lassen, obwohl deren heilende Wirkung längst bekannt war. Zweck war es, den "natürlichen Verlauf" von Syphilis zu beobachten.

Das statistische Risikomodell, das Grimes auf Basis der aufgeflogenen Verschwörungen erstellte, sprach aufgrund der hohen Zahl nötiger Mitwisser und der verstrichenen Zeit gegen so beliebte Verschwörungsmythen wie die angeblich gefakte Mondlandung und den "Klimaschwindel". Festzuhalten bleibt aber, dass dieses Modell anhand realer Verschwörungen erstellt wurde - und dass in allen drei Fällen staatliche Akteure einer westlichen Demokratie beteiligt waren.

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