Die Erfindung der Elektroschockwaffe

Jack Cover hat 1973 im Rahmen eines nationalen Sicherheitsprogramms die technische Grundlage für die Taser-Waffen entwickelt

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Am 7. Februar 2009 starb in einem Veteranenheim bei Los Angeles der an Alzheimer erkrankte Physiker John H. „Jack“ Cover im Alter von 88 Jahren. Cover, der in den 60er Jahren am NORAD (North American Defense) als Forschungsleiter im Apollo-Mondlande-Programm der NASA arbeitete, erfand 1973 die Elektroschock-Pistole TASER. Er legte damit den Grundstein für eine neue, weltweit erfolgreiche „weniger-tödliche“ Polizeitechnologie.

Am symbolträchtigen Datum, dem 11. September 2008, gab er dem US-amerikanischen Filmemacher Keven McAlester sein – nach vielen Jahren erstes und zugleich – letztes Interview, das nun das Kernstück ist von einem kurzen Dokumentarfilm über die Erfindung des TASER.

Im Dezember 2008 portraitierte der deutsche Pop-Künstler Moritz R® den Erfinder – als einen „Käptn Ahab“ des Neoliberalismus. Beide Werke sind Teil der Ausstellung „EMBEDDED ART“, die noch bis zum 22. März 2009 in der Akademie der Künste am Pariser Platz zu sehen sind. Bild: Moritz R®

I. Die lautlose Kugel

„Was für ein Gewehr ist das?“, fragt der Kapitän, als der junge Mann an die Reling trat. Tom antwortet nicht. Er passt sich dem Rollen und Stampfen des Schiffes an, das jetzt mit halber Fahrt läuft. Dann richtet er sein Gewehr auf den Leviathan, der auf sie zu schwimmt, schaut auf die automatische Zielvorrichtung, wartet einen Moment, bis der Wal hinter dem Wellenkamm auftaucht und drückt auf den Knopf. Für jene Zuschauer, die eine gewaltige Explosion, ein Zischen und Fauchen oder eine Stichflamme erwartet haben, ist die Enttäuschung groß.

Der Schuss fällt ohne jeden Laut.

Aber es ist höchst überraschend, die Wirkung der elektrischen Kugel zu beobachten. Der gewaltige Fischkörper stoppt, es schäumt um ihn herum und dann scheint er in seine Bestandteile zu zerfallen, wie ein Stück Würfelzucker sich in heißem Tee auflöst. Fünf Sekunden später ist keine Spur des Monsters mehr zu sehen, nur ein wenig Blut treibt an der Oberfläche der See, die sich wieder glatt zieht.

„Was---...was ist geschehen?“ stammelt der Kapitän fassungslos.

„Völlig aufgelöst!“, schreit Mr. Damon, „Heiliges Pulverhorn, Tom, ich wusste, du würdest es schaffen!“

Die Zeilen stammen aus Victor Appletons 1910 verfasstem Groschenroman „ Tom A. Swift and His Electric Rifle“: der Lieblingslektüre des jungen Jack Cover.

Die Anfangsbuchstaben des Titels bilden das Acronym, das heute um die Welt geht und ähnlich wie die Marken Tempo oder Nivea zum Synonym geworden ist: nicht für die Bekämpfung von Schnupfen oder rauer Haut, aber für die wirkungsvolle Bekämpfung von Gewalt durch Gegengewalt.

„Ich tasere dich“ bedeutet soviel wie: „Egal was du tust, du hast keine Chance, ich werde dich niederstrecken.“ Vor allem aber: „Es wird dir weh tun, so weh, dass du es nie wieder vergessen wirst.“

Cover Swift Heft

Der Wal, der nicht von ungefähr bei Appleton – in Anlehnung an Thomas Hobbes 1651 verfasste staatstheoretische Schrift gleichen Titels – als „Leviathan“ bezeichnet wird, als biblisch-mythologisches Ungeheuer, vor dessen Allgewalt jeder menschliche Widerstand versagt –, dieser „Wal“ ist das Symbol, das dem Geniestreich des Ingenieurs Cover schon vor der Zeit die politische Dimension verpasst. Eine raffiniert ausgeklügelte, handliche Waffe, die das große Wort aus dem „Buch Hiob“: „Keine Macht auf Erden ist mit der seinen vergleichbar“, mit technischer Bravour erledigt. Wie Zucker schmilzt der Riese. Leviathan – erledigt! Die neue Macht ist da.

Olaf Arndt ist Mitglied der Künstlergruppe BBM. Im Rahmen der von der Gruppe kuratierten Ausstellung: EMBEDDED ART - Kunst im Namen der Sicherheit in der Akademie der Künste (Berlin) wird vom 13. bis zum 15. März (11.00 - 20.00) "The Aesthetics of Terror" zu sehen sein.

The Aesthetics of Terror ist eine Ausstellung, die von Manon Slome und Joshua Simon für das Chelsea Art Museum, New York, geplant wurde und im November 2008 eröffnet werden sollte. Sie wurde kurzfristig abgesagt, weil die ausstellende Institution die Kuratoren mit verschiedenen Auflagen und Änderungswünschen - vom Titel bis zur Werkliste - konfrontiert hat: in einem Umfang, der die Integrität des Projektes in Frage stellte.

Die Kuratoren von EMBEDDED ART haben der Ausstellung daraufhin noch im Dezember 2008 virtuelles Asyl angeboten und die Kuratoren Slome und Simon gebeten, mit ihren Künstlern über eine digitale Präsentation innerhalb des von EMBEDDED ART bestehenden Video-Projektionssystems nachzudenken. Dieser Vorschlag fand begeisterte Zustimmung und hat schließlich dazu geführt, dass am kommenden Wochenende statt der Berliner Ausstellung nun Projektionen der Arbeiten der New Yorker Ausstellung einmalig zu sehen sein werden.

II. Blue Ribbon

Während der 60er Jahre stieg (laut einem FBI-Report) die Kriminalitätsrate in den USA drastisch an. Kein Wunder also, dass „law and order“, die Kriminalität auf den Straßen, ein Kernthema der Präsidentschaftswahlen 1964 war. Lyndon B. Johnson rief schon in seiner ersten Rede an den Kongress 1965 dazu auf, eine „Blue Ribbon“-Kommission zu installieren, die den „Gründen für die Kriminalität in unserer Nation“ auf den Grund gehen sollte. Sie sollte in ihrer Besetzung „von höchster Qualität“ sein und in Anlehnung an das französische “Cordon Bleu“ Blue Ribbon genannt und mit einer Schleife entsprechender Farbe als Signet markiert werden. Die Kommission setzt ein Büro zur Unterstützung der Exekutive (Office of Law Enforcement Assistance) ein, das dem Justizministerium direkt untergeordnet ist. Seine Aufgabe: die Vergabe von Forschungsmitteln für Vorhaben, die als Modellprojekte geeignet scheinen, um neue Technologien zu entwickeln zur Unterstützung und Effektivierung der Gesetzesvollstreckung.

Taser Steak

1967, im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Gutachtens über „Die Herausforderung 'Verbrechen’ in einer freien Gesellschaft“ wird der Etat nochmals erhöht. Und 1968 erweitert der Kongress nochmals Zuständigkeiten der Kommission und bewilligt Mittel für ein umfängliches nationales Sicherheitspaket, zu dem neben der Entwicklung neuer Waffen und Technologien auch das Einsetzen und Ausbilden von Sondereinsatzkräften im Kampf gegen organisiertes Verbrechen, Drogenmissbrauch und Gewalt auf der Straße zählt.

Man bedenke, dass dies stattfindet vor dem Hintergrund immer massiverer Proteste gegen den Krieg in Vietnam, dem Aufbruch der „Flower Power“-Bewegung, die außer einer neuen Musik- und Kleidungskultur vor allem auch den – oft passiven – politischen Widerstand massenfähig macht. Insgesamt findet also die Aufrüstung der US-amerikanischen Polizei in einer Zeit der Verweigerung statt, in der die Straße als Ort kritischer Meinungsäußerung und Platz für direkten Eingriff in den demokratischen Prozess wieder entdeckt wird.

Der „Omnibus Crime Control and Safe Streets Act“ vom Juni 1968 liest sich daher rückblickend wie eine Dienstanweisung zur Zerschlagung der Protestbewegung. Als Teil dieses 12-Jahres-Programms, für das bis 1980 insgesamt 7,5 Milliarden US-Dollar ausgegeben wurden, entwickelt Jack Cover den TASER als nicht-tödliche Einsatzalternative zur Polizeipistole.

Durch Jack Covers Entscheidung, technologisch auf ein existierendes Patent aus dem 19. Jahrhundert aufzusetzen, wird die Wal-Metapher aus den Schmökern seiner Kindertage schließlich konkret. Der Bremer Waffenschmied H. G. Cordes hatte eine Wal-Harpunier-Maschine erfunden, die einen schweren elektrifizierten Pfeil verschießt, der an einem Kabel hängt und von einer mitgeführten Spule mit Strom versorgt wird. Das Meer selbst wird über einen mit Kupfer beschlagenen Boden des Harpunierbootes als Masse benutzt und der Wal wird schlicht „elektrokutiert“. Eine – aus Sicht des Erfinders – „humanere“ Art der Tötung der Tiere. Kein langwieriges Zu-Tode-Schleppen, kein Verlust des Fisches durch Abreißen der Leinen. Sobald der Pfeil trifft, ist der Wal erlegt.

Screenshots aus einer Animation von Victor Selivanov

Die Bremer Dr. Albert Soundenburg und Johann Philipp Rechten melden Cordes Idee unter der Nummer U.S. Pat. No. 8,843 im Jahr 1852 in den USA zum Patent an. Erste Hinweise auf eine „electrische Pistole“ allerdings datieren bereits auf das Jahr 1778, nachzulesen bei Jacob Christian Schaeffers in seiner „Abbildung und Beschreibung der electrischen Pistole und eines kleinen, zu Versuchen sehr bequemen Electricitaetentraegers“.

Bis heute führt das Bremer Focke-Museum ein Exemplar der Waffe im Bestand. Sie ist allerdings derzeit nach meinen Recherchen nicht auffindbar. Überhaupt wäre die Geschichte wahrscheinlich komplett vergessen, wenn nicht der Erfolg des TASER sie wieder ans Licht geholt hätte.

Jack Cover wird aufmerksam, als ein Bericht über einen Tramper in der Zeitung erscheint. Der Mann war in einen Weidezaun gefallen und hatte dort acht Stunden lang hilflos, weil komplett bewegungsunfähig, wie gelähmt, gehangen. Cover sagt: „festgefroren“. Als man den Tramper befreite, befand er sich in überraschend guter Gesundheit und war körperlich weitgehend unverletzt. Er konnte sich unmittelbar nach Ausschalten des Stroms wieder einigermaßen gut bewegen. Schnell stellte Jack Cover den Zusammenhang zwischen der spektakulären Meldung und den Fördermitteln für neue Polizeitechnologie her. Er recherchierte, bastelte und erprobte schließlich eine Waffe, die auf Knopfdruck den Weidezaun-Effekt wiederholt.

Details über die Technik des TASER und die gesundheitlichen Folgen kann man bei Telepolis nachlesen:
Die politische Technologie der Pein
Medizinische Aspekte der Schmerzerzeugung
Die Gesellschaft ohne Schmerzen

III. Das letzte Gespräch

Der amerikanische Dokumentarfilmer Keven McAlester dreht im Herbst 2008 das letzte (und seit vielen Jahren erste) Interview mit Jack Cover. Die Umstände sind dramatisch. McAlester findet mit Hilfe von TASER Inc. International heraus, wo Jack Cover lebt. Er ist in einem Veteranenheim in Los Angeles untergebracht, einer Einrichtung, die auf „Gedächtnispflege und Leistungsmessung“ spezialisiert ist. Cover leidet bereits seit geraumer Zeit an Alzheimer. Er ist jedoch durchaus von Zeit zu Zeit ansprechbar. Der Erfolg eines Interviews hängt also unmittelbar damit zusammen, einen günstigen Zeitpunkt zu erwischen.

McAlester, der selbst in Los Angeles lebt, kann relativ kurzfristig reagieren. Auch hat er im Jahr zuvor mit einer ebenfalls an Alzheimer leidenden Blues-Legende einen Film gedreht und ist sensibilisiert für die Problematik einer integeren Annäherung an Krankheit und Person.

Kurz vor dem Dreh erkrankt Jack Cover erneut, diesmal eine schwere Lungenentzündung, von der er sich jedoch schnell erholt. Er ist dann am 11. September 2008 zum Interview bereit.

Jack Cover blickt zu Anfang des Gesprächs weit zurück, berichtet von seiner frühesten Jugend. Geboren in New York, aber in Chicago aufgewachsen und „geistig sozialisiert“, wie er sich ausdrückt. Er lacht, denn es kommt ihm in den Sinn, dass diese Sozialisierung vor allem von Mädchen bewerkstelligt wurde.

Dann beginnt, im Alter von etwa 10 Jahren, die Phase seines Lebens, die ein Reporter in einer Fernsehshow, in der Cover viele Jahre später erstmals seinen TASER öffentlich vorstellt, mit einem Bild aus einem sehr populären Science Fiction der 50er Jahre umschreibt: Es ist die „Buck Rodgers“-Zeit, der Mann mit der „kosmischen Strahlenpistole“.

Jack Cover gehört wahrscheinlich zu den Amerikanern, die den „Kalten Krieg“ für ihre Karriere zu nutzen wissen. Mit den Mengen von Geld, die der Staat aus Angst vor ziviler Erhebung und einem globalen Links-Drift, aus Furcht vor einer „Sowjetifizierung“ der Welt mit vollen Händen in die Verteidigungs-Forschung schaufelt, realisiert Jack Cover einen Jugendtraum. Er baut eine technische Fantasie und setzt eine bis dahin als unmöglich erachtete Vision in die Tat um.

Dass man aus der eigenen Garage heraus direkt ins Weltall gelangen kann, ist, so muss man es sich wohl denken, eine echt amerikanische Erfahrung. Hier kreuzt sich das Bastlertum mit einem Höchstmaß an Professionalität. Hier wird klar, wie privates Engagement Hand in Hand geht mit Förderung von höchster Stelle. Nur so ist verständlich, wie ein Physiker wie Cover gleichzeitig die Eroberung der Sterne unter amerikanischer Flagge planen und eine für den Sternenkrieg geeignete Waffe bauen kann. Hier laufen die Träume von der Apollo-Mission mit dem Antikommunismus zusammen, Träume von einer besseren, besser kontrollierten und daher freieren kapitalistischen Welt, die sich im Mythos „Go West!“ kristallisieren, immer weiter, immer höher, bis hinter den Mond.

Doch zunächst einmal bleibt es ein Traum. Über viele Jahre versucht Jack Cover erfolglos, den TASER zu vermarkten. Dann läuft sein Patent aus. Erst 1995 kommt TASER Inc. aus Arizona erneut auf die Idee einer „nicht-tödlichen“ Waffe zum Kampf gegen Großstadtgewalt. Auch hier wartet zunächst jahrelang auf den Durchbruch. Doch er kommt. Laut Cover mit dem 11. September 2001. Erst Bushs Absage an die „geduldige Demokratie“, sein Ruf nach Einsatz jeder nur möglichen Waffe, mit der man den Terror bekämpfen könne, ist der Grundstein zum Erfolg des TASER. Die Politik, nicht die ausgefuchste Technik, bringt den Erfolg: nicht der Aspekt einer wünschenswerten, “humaneren“ Kriegsführung, die Idee von einer Waffe, die nur schmerzt und lähmt, aber nicht tötet.

Doch nun ist der TASER mit einem Schlag auch gleich ganz weit entfernt von dem, was Cover sich vorgestellt hat. Und der Erfinder klingt nicht sehr glücklich über das, was er nun erzählt. Heute ist der TASER nicht mehr die klare Alternative zur Feuerwaffe, sondern Bestandteil der „dualen Option“, immer mit an Bord, wenn eigentlich geschossen werden sollte. Die „scalable force option“, bei der man die Parameter zwischen nicht-tödlich und tödlich beliebig und sehr fix hochdrehen kann, macht ihn zum kleinen Bruder der Polizeipistole. Somit ist der TASER nun auch attraktiv fürs Militär. Jetzt ist er bei Grenzkontrollen im Feindesland oder bei den sog. „detainee operations“, beim Verbringen der vermutlichen Al-Qaida-Kämpfer nach Guantanamo einsetzbar: als „Multiplikator der Kampfkraft“.

Jack Cover formuliert ein – etwas resigniertes – Statement, das man dennoch durchaus als Summe eines Lebens betrachten kann:

Mein Glaube daran, dass Amerika seine Angelegenheiten immer ordentlich regelt, verflüchtigte sich im Laufe der Zeit. Ich komme mehr und mehr zu der Ansicht, dass da nicht mehr viel zu erwarten ist. Die Macht der Konzerne wächst ungehindert und führt dazu, dass keinerlei Kontrolle mehr möglich ist. Niemand kann mehr irgendeine Vorstellung davon gewinnen, was überhaupt produziert wird an Waffen und Munition und wohin sie verteilt werden. Das war früher noch anders. Die Regierung kümmert sich heute nicht mehr ausreichend um die Interessen der Privatleute, um die Bürger ihres Landes.

Jack Covac

Und mit fast wissenschaftlichem Blick auf seine eigenen Krankheit, die er wie von außen beobachtet, scharf und kritisch, schließt er: „Aber ich muss auch eingestehen, dass langsam, je älter ich werde, meine Wahrnehmung unschärfer wird, und ich Dinge vergesse. Ja, verrückt, wie so etwas passiert.“

IV. „Lizenz zur Grausamkeit“?

Zwei hier folgende kurze Versuche einer Einordnung des Erfolges des TASERS nach 9/11 sollen zeigen, welches Klima, welcher Wandel, den die Demokratie derzeit durchlebt, ausschlaggebend sein können für die Etablierung einer zunächst für „verrückt“ gehaltenen Erfindung in unserem Alltag.

Zunächst einmal hat sich unserer Verständnis der Aufgaben des Staates und der Funktion von staatlich sanktionierten Straf(verfolgungs)methoden in den letzten 50 Jahren radikal geändert. Fritz Sack schreibt in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Die Aktion“ 215 (1/2009):

Der amerikanische Kriminologe Jonathan Simon spricht (in einem solchen Zusammenhang) von einer Art „Lizenz zur Grausamkeit“ –„entitlement to cruelty“–. Die bewusste Zufügung von Schmerz und Erniedrigung ist nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten gegenüber Straftätern und Verbrechern. Das offene und auch öffentliche Ausagieren von Rachegelüsten und Niedertracht stößt auf Verständnis und Verstärkung – und hat seine garantierten Beobachterquoten in den Medien. Die Zufügung von Schaden dem Missetäter gegenüber gehört zum erlaubten Repertoire der Reaktion.

Fritz Sack

Die kurze Phase der Hoffnung, dass Menschenrecht, Toleranz und Humanität Leitbilder der Demokratie nach dem zweiten Weltkrieg werden könnten, hat sich im „Kalten Krieg“ bereits zerlegt. Der „Kalte Krieg“ hat sich wirtschaftlich derart rentiert, dass mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems Alternativen gesucht und gefunden werden mussten. Dabei haben sich Dinge, die viele Menschen für Grundfesten der Zivilisation hielten, ein weiteres Mal relativiert. Der „Krieg gegen den Terror“ illustriert dies übergrell.

Im Namen der Sicherheit sind für unerschütterlich gehaltene Werte plötzlich frei verhandelbar. Dies mag ein Grund sein, warum der TASER stets im Kontext der Folterdebatte erscheint. Nicht weil die Technologie „böse“ wäre. Sondern weil die absichtliche Zufügung von Schmerz, die gezielte Erniedrigung, die uns am Beispiel der Skandale von Guantanamo und Abu Graibh ins Bewusstsein gehoben wurde, mit der Ideologie der „klinisch sauberen Operation“, dem „chirurgischen Eingriff“ zusammenhängt. Und in diesem, vielleicht etwas zu emblematisch als „neoliberal“ zu bezeichnenden Kontext, in dem private Dienstleister mit modernster Ausrüstung (wie eben dem TASER) die Aufgaben des Staates übernehmen, entstehen – als Kollateralschaden an der Demokratie – kontrollfreie Räume, in denen alles möglich ist. Vor allem aber trennt man sich als erstes von den hinderlichen Beschränkungen im Umgang mit Menschen, von Vorgaben, wie sie durch die Grundrechte festgeschrieben schienen. Und dafür, und um den Schock der Überschreitung dieser Grenzen zu minimieren, braucht es neue Werkzeuge, die alle gesetzlichen Beaschränkungen unterlaufen, Waffen, die keine Waffen sind, und Einsatzmittel, die sich als „Informationstechnologie“ maskieren, aber für „effektive“, nur zu oft tödlich endende „gezielte Operationen“ nützlich sind.

So werden – und hier kommt das zweite Argument für die Akzeptanz, die der TASER derzeit erfährt, ins Spiel – Mobiltelefone zu Zieleinrichtungen für Lenkwaffen, Bankautomaten und Kontokarten zu Spürhunden, die den Weg von gesuchten Personen offen legen und die Nutzer entweder in ein künstliches Mittelalter zurückbomben, in dem man sich verhält, als gäbe es diese Dinge nicht (indem man sie nicht mehr benutzt) oder uns gnadenlos dem Prinzip der (Kunden-)Disziplinierung unterwerfen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass alle Innovationen nützlich und bequem sein können, auch wenn sie bei der ersten Begegnung Furcht erwecken. Und die negativen Effekte, wie die Beschränkung unser Freiheit, der Verlust jeder Garantie des privaten, ungestörten Lebens, die einmal Grund für die Einrichtung von Staaten überhaupt war, werden aufgewogen gegen die Vorteile - und verlieren dabei radikal an bedrohlichem Potential.

So droht uns bei der Entscheidung zwischen Nutzen und Schaden der neuen Sicherheitspolitik ein wenig das Schicksal, das der Künstler Moritz R® im Begleittext zu seiner Bilderreihe „Five Peace Monsters“ beschreibt, zu der auch das Portrait Jack Covers zählt.

Moritz R® erinnert uns an das „Experiment des bekannten mittelalterlichen Mathematikers Buridan, bei dem einem Esel zwei identisch große Haufen Heu zum Fressen angeboten werden, die genau gleich weit von ihm entfernt liegen; der Esel kann sich nicht entscheiden und verhungert.“