Megakirchen

Seite 3: Was suchen die Leute in Megakirchen? Die Forscher sehen mehrere Gründe für den Zulauf

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"Die Evangelikalen sind in den USA in den letzten Jahrzehnten sehr stark geworden", sagt Insa Pruisken: "Eine sozialstrukturelle Bedingung ist vermutlich, dass der Evangelikalismus zunehmend eine anerkannte Religion für die gebildetere Mittelschicht darstellt."

Für Thomas Kern ist der wichtigste individuelle Grund die Anonymität - wer will, könne anonym bleiben. Megakirchen finden sich in der Stadt, eine unverbindliche Zugehörigkeit ist möglich, der sonst oft üblichen Sozialkontrolle kann man ausweichen. Gleichzeitig wird die Teilhabe an einer intensiven Gemeinschaft geboten: Das ist für das Wachstum einer Megakirche genauso wichtig. "Die Gläubigen können aber selbst bestimmen, wie stark sie sich in die Gemeinde einbringen wollen. Gerade die Wahlmöglichkeit zwischen Anonymität und intensiver Gemeinschaft ist somit entscheidend."

Vom Kindergarten bis zur Insolvenzberatung

Sodann, weil die Religion pragmatisch ist, sind diese Kirchen theologisch eben auch nicht so streng, sondern fast volkskirchlich orientiert. Man sei evangelikal, die Stellung von Mann und Frau ist unterschiedlich, aber auch Homosexuelle könnten die Gottesdienste besuchen: " Man hört dann eben, dass man sein Schwulsein nicht ausleben solle, aber man wird da nicht unbedingt rausgeschmissen." Megakirchen grenzen sich von ihrer Umwelt weniger stark ab als viele traditionelle evangelikale Gemeinden.

Megakirchen bieten eine lebensnahe Beratung, und ihre Spiritualität ist an der modernen Lebensführung ausgerichtet. Es gibt alles vom Kindergarten bis zur Insolvenzberatung.

"Die Show ist perfekt"

Ein weiterer wichtiger Grund für ihr Wachstum sind die perfekten "Events", sagt Thomas Kern: "Die Gottesdienste und anderen Veranstaltungen sind absolut durchrationalisiert, im Gottesdienst ist jedes Element darauf ausgerichtet, dass Gläubige sich wohl fühlen: Die Parkplätze, die Begrüßung beim Eingang, die Sitzordnung, die Musik..." Ein großer Unterschied zu Deutschland: "Hier wird eine Liturgie 'runtergerissen', und wie der einzelne sich fühlt, ist egal. Aber in Megakirchen ist der Gottesdienst DAS zentrale Ereignis im Gemeindeleben. Die Show ist perfekt. Das ist gar nicht hämisch gemeint. Da gehen die Leute dann auch gern hin."

Aber nicht in Deutschland, sagt Insa Pruisken: "Megakirchen sind in Deutschland kein so relevantes Phänomen wie beispielsweise in den USA, es gibt vergleichsweise wenige sehr große evangelikale Gemeinden, die das Kriterium einer Megakirche von 2000 Gottesdienstbesuchern an einem Wochenende erfüllen. Zu einem wesentlichen Teil sind diese Gemeinden vermutlich auch sehr stark von den USA beeinflusst."

Das dürfte theologische und kulturelle Hintergründe haben. Eine theologische Begründung für das Wachstum ist der so genannte Missionsbefehl im Matthäusevangelium: "so wird Wachstum legitimiert, und das will und muss jeder einzelne Gläubige in seinem Leben umsetzen. Diese Form von Religion findet vermutlich zurzeit weniger Akzeptanz in der katholischen oder evangelischen Kirche."

Hier geht es eher um Ökumene.