Saddam steckt hinter den Anschlägen vom 11.9.

Nach einer aktuellen Umfrage glauben noch immer erstaunlich viele Amerikaner, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gegeben hat und Saddam enge Verbindungen zu al-Qaida hatte

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Auf der einen Seite gibt es die Menschen, die der offiziellen Version über die Anschläge vom 11.9.2001 nicht glauben, sondern vermuten, dass hinter den Selbstmordattentätern nicht nur Osama bin Laden und al-Qaida stehen, sondern womöglich andere Interessengruppen zumindest heimlich mitgemischt haben. Auf der anderen Seite gibt es die Menschen, die trotz der Invasion in den Irak noch immer an einige der Märchen glauben, die die Bush-Regierung der amerikanischen und der globalen Öffentlichkeit aufgetischt hat, aber die sich längst als haltlos erwiesen haben.

Schon im letzten Jahr wurde deutlich, dass in Bezug auf die einmal von der Bush-Regierung behaupteten Gründe für den Irak-Krieg erstaunliche viele US-Bürger sich als resistent gegenüber Tatsachen erweisen (Noch immer glaubt die Hälfte der US-Bürger, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hatte; Bush-Anhänger zeichnen sich durch Realitätsausblendung aus). Nach einer kurz vor den Präsidentschaftswahlen durchgeführten Umfrage von Program on International Policy Attitudes (PIPA) waren damals 72 Prozent der befragten Bush-Anhänger davon überzeugt, dass der Irak Massenvernichtungswaffen (47%) oder zumindest ein größeres Programm zur Entwicklung von solchen (25%) hatte. Wenn auch weitaus weniger, so glaubte dies auch noch ein Viertel der Kerry-Anhänger, obgleich der Bericht des amerikanischen Waffeninspektors nach über einjähriger Suche einräumen musste, dass im Irak nichts zu finden gewesen war. Bush selbst hatte bei Veröffentlichung des Berichts schon eingeräumt, dass nach diesem der Irak nicht die von den Geheimdiensten vermuteten Massenvernichtungswaffen hatte.

Ähnlich sah es bei anderen Themen aus. Drei Viertel der Bush-Anhänger waren davon überzeugt, dass der Irak al-Qaida entscheidend unterstützt hat - und 63 Prozent glaubten, dafür gebe es eindeutige Beweise. 20 Prozent waren sogar der Ansicht, dass Hussein direkt etwas mit den Anschlägen vom 11.9. zu tun hatte. Dafür gibt es keinerlei Beweise, nicht einmal größere Verdachtsmomente von Bush-Anhängern, die die Manipulation der Öffentlichkeit durch die US-Regierung noch nachträglich zu retten suchen.

Zu ähnlichen Ergebnissen war eine Umfrage von Harris Interactive im Oktober 2004 gekommen. Hier sagten 41%, Saddam Hussein habe die Attentäter vom 11.9. unterstützt, 37% meinten, es hätte unter ihnen auch Iraker gegeben, was nicht einmal die Bush-Regierung behauptet hatte. 62% sagten, Hussein hatte enge Verbindungen zu al-Qaida. Und 38% gingen davon aus, dass der Irak noch Massenvernichtungswaffen hatte, als die USA einmarschiert waren.

In einer aktuellen Umfrage vom Dezember 2005 haben sich diese Zahlen zwar nach unten verändert, aber noch immer glauben erstaunliche viele Menschen an die einmal verbreiteten Behauptungen – auch dann, wenn diese Umfrage nicht sonderlich repräsentativ wäre. 41% meinen noch immer, Hussein habe enge Verbindungen mit al-Qaida gehabt, 22% der Befragten gehen davon aus, dass Hussein irgendwie an den Anschlägen vom 11.9. beteiligt war, und 24%, dass Iraker unter den Attentätern waren. Auch an die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak glaubten noch 26%, als würde sie nicht hören wollen, was seit längerem auch die Mitglieder der Bush-Regierung als Irrtum zugeben. Und 48% sind überzeugt, dass der Irak unter Hussein eine Bedrohung der USA darstellte.

Man wird zwar davon ausgehen können, dass mit wachsendem zeitlichen Abstand zur Verbreitung der Propaganda, die den Krieg vorbereiten half, die einmal übernommenen Überzeugungen schwächer und vermehrt durch andere ersetzt werden, aber die bei immerhin einem Viertel der US-Amerikaner weiterhin demonstrierte Immunität gegenüber Berichtigungen ist schon erstaunlich und erschreckend. Ob dies bei anderen Ländern ganz anders wäre, ob möglicherweise die Medienlandschaft und –rezeption in den USA eine andere ist oder vielleicht auch die unbewegliche Zwei-Parteien-Struktur einen Anteil daran hat, kann dahin gestellt sein. Vermutlich sind solche Immunitäten und Abschottungen gegen Neues, die vielleicht als Zumutungen oder Störungen empfunden werden, überall verbreitet und ist keiner gegen sie gefeit.

Erschreckend ist eher die Kombination aus der Leichtgläubigkeit gegenüber Autoritäten wie der Regierung und der verblendeten Sturheit, das einmal Übernommene entgegen aller Evidenz und auch entgegen der ursprünglichen Quelle weiter aufrecht zu erhalten. Es gibt nicht einmal Widersprüche oder Ungeklärtes, die den Zweifel an den Widerlegungen schüren und damit die Überzeugung stabilisieren könnten. Psychologen hatten kürzlich anhand der Medienberichterstattung über den Irak eine ähnliche Feststellung machen müssen. Sie folgerten daraus, dass es eine Resistenz gegenüber Korrekturen von Informationen gibt, von deren Richtigkeit man einmal überzeugt war. Und das heißt anders ausgedrückt: am Beständigsten haftet das, was man zuerst gehört hat (Von der Wahrheit auf den ersten Blick).

Man könnte hier von einer memetischen Infektion sprechen, die dort besonders stark ist, wo es keine Antikörper im Sinne von alternativen Meinungen oder einer Skepsis gegenüber der Quelle gibt (Memetik und das globale Gehirn). Daher ist bei dem massenmedialen Gewitter, das über die US-Amerikaner vor dem Irak-Krieg fast ohne Gegenmeinungen niederging, wenig überraschend, dass diese falschen Überzeugungen weiterhin bei doch ziemlichen vielen noch fest verankert sind und dadurch Wirklichkeitsbereiche ausblenden. Die Wiederholung von Medienberichten trägt, so die Psychologen in ihrer Studie "Memory for Fact, Fiction, and Misinformation: The Iraq War 2003", auch dann, wenn sie als falsch widerlegt werden, zur Ausbildung falscher Erinnerungen bei. Schlimmer ist, dass auch Richtigstellungen eigentlich nichts an den Überzeugungen ändern, wenn die Menschen nicht schon misstrauisch sind. Allerdings gehört Misstrauen als Ent-Täuschung zur Grundschicht der Aufklärung. Die massenmediale Inszenierung von Gesprächen und Diskussionen mit und ohne Experten trägt auch dazu bei, dass die Menschen sich selbst mit ihren Überzeugungen nicht mehr wirklich konfrontieren müssen, weil die Auseinandersetzung scheinbar schon den Anderen und vor allem permanent geführt wird.