US-Armee kämpft mit Engpässen bei 155-mm-Granaten für die Ukraine

Einsatzbereite Artilleriegeschosse in einem Bunker

(Bild: Henrik A. Jonsson / Shutterstock.com )

Die US-Armee kämpft mit Engpässen bei 155-mm-Granaten für die Ukraine. Veraltete Fabriken und Arbeitermangel bremsen die Produktion. Droht ein Fiasko?

Der Krieg in der Ukraine hat sich anders entwickelt als ursprünglich angenommen. Der schnelle Sieg blieb für beide Seiten aus – und der Krieg entwickelte sich zu einem materialintensiven Abnutzungskrieg.

Ukraine-Krieg entwickelt sich zum zermürbenden Abnutzungskrieg

Schon früh gab es Warnungen, dass sich der Konflikt über Jahre hinziehen könnte. Eine statistische Auswertung hatte ergeben, dass ein Großteil der Kriege, die länger als ein Jahr dauerten, bis zu zehn Jahre andauerten.

Die Ukraine weigert sich nach wie vor, an den Verhandlungstisch zu kommen und beharrt auf ihrer Maximalposition: militärischer Sieg über Russland. Darin wird die Regierung in Kiew vom Westen bestärkt – materiell stößt die Unterstützung an Grenzen, wie sich etwa bei der Munition zeigt.

Fehlende Munition: Nato-Standardgranaten werden knapp

Der Finanzdienst Bloomberg wies in einem großen Bericht darauf hin, dass es hauptsächlich an 155-mm-Granaten, der Nato-Standardmunition für die Artillerie, mangelt. Laut General Christopher Cavoli, dem Obersten Alliierten Befehlshaber der NATO in Europa, hat Russland bis Ende April zehnmal mehr Artilleriegeschosse auf die Ukraine abgefeuert, als die Ukrainer zurückschießen konnten.

Um die Versorgungslücke zu schließen, wollen die USA die Produktion von monatlich 14.400 auf 100.000 Granaten bis Ende 2025 erhöhen. Dabei kämpft das Pentagon mit Problemen, die es zum Teil selbst verursacht hat.

US-Militär kämpft mit hausgemachten Problemen bei Granatnachschub

Nach dem Kalten Krieg hat das US-Militär viele Anlagen zur Herstellung von Granaten und Sprengstoffpulver verkauft oder vernachlässigt. Man rechnete nicht damit, dass es wieder zu einem großen Landkrieg kommen könnte. Stattdessen setzte man auf Hightech-Waffen, statt auf die Massenproduktion von Standardmunition. Zurück blieben eine marode Infrastruktur, veraltete Maschinen und eine ausgedünnte Belegschaft.

Die USA geben derzeit mehr als fünf Milliarden Dollar aus, um Fabriken von Scranton in Pennsylvania bis Minden in Louisiana auf Vordermann zu bringen. Die Gebäude in Scranton stammen größtenteils noch aus dem Jahr 1908, die Böden müssen verstärkt werden, um die neuen, schweren Maschinen tragen zu können.

Kurzum: Die alten Fabriken müssen renoviert, neue Maschinen angeschafft und zusätzliche Arbeiter eingestellt und ausgebildet werden. Zudem sind die Arbeitsbedingungen nicht die besten: hohe Temperaturen, schlechtes Licht und erhöhte Brand- und Explosionsgefahr.

Bei Scranton Dynamics, einem der Hauptlieferanten, sank die Zahl der Beschäftigten von 1.836 im Jahr 1970 auf heute 300. Das Pentagon investiert rund 429 Millionen Dollar, um die über 100 Jahre alten Backsteingebäude der 15 Hektar großen Fabrik auf den neuesten Stand zu bringen.

Grundmaterialien wie TNT und Schwarzpulver fehlen

Auch Grundmaterialien wie TNT und Schwarzpulver sind knapp, da die USA ihre Produktion aus Sicherheits- und Umweltschutzgründen eingestellt haben. TNT wird aus Polen und der Türkei importiert. Die einzige US-Schwarzpulverfabrik in Minden wurde erst im August 2022 unter neuem Eigentümer wieder in Betrieb genommen.

Der Krieg in der Ukraine hat auch die politische Spaltung der USA verschärft. Aus Sicht vieler republikanischer Kongressabgeordneter ist die Ukraine zu einem Fass ohne Boden geworden, weshalb sie weitere Hilfen ablehnen.

Die Granatenproduktion könnte darunter leiden. Der Auf- und Umbau der Rüstungsbetriebe erfordert langfristig viel Geld, das aus dem Topf der Ukraine-Hilfe kommen soll. Ohne Planungssicherheit scheuen die Rüstungsunternehmen große Investitionen.

Republikaner fordern Priorität für Auffüllung der US-Vorräte

Die Republikaner bezweifeln jedoch, dass die USA schnell genug produzieren können, um den Kriegsverlauf zu ändern. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf andere geopolitische Herausforderungen plädieren sie für eine Erhöhung der Ausgaben, um zunächst die US-Vorräte wieder aufzufüllen.

Im schlimmsten Fall, so die Befürchtung, gelingt es nicht, Russland, China und andere Herausforderer abzuschrecken. Sollten weiterhin große Mengen an Granaten in die Ukraine transferiert werden, ohne dass die Produktion hochgefahren wird, könnten die US-Truppen in einem künftigen Konflikt mit leeren Depots dastehen.