Wollen Musk und Thiel die Demokratie abschaffen?

Peter Thiel bei einem Vortrag vor einem Pult. Im Hintergrund sind Zuschauer zu erkennen.

Peter Thiel, 2016. Foto: mark reinstein /shutterstock.com

Die Tech-Milliardäre stehen in der Kritik. Ihre Weltanschauung weist Bezüge zu antidemokratischen Denkern auf. Was verbindet die beiden mit dem Longtermismus und welche Ziele verfolgen sie damit?

Musk steht wieder im Fokus der Kritik. Schon wieder. Diesmal geht es aber nicht um die AfD oder rechtsextreme Äußerungen bzw. Bewegungen.

Das digitalisierungskritische Internet-Blog netzpolitik.org, wenngleich für seine unverhohlene Aversion gegen den Tech-Milliardär bekannt, ist kürzlich in einem Artikel auf die Weltanschauung eingegangen, die sich mutmaßlich hinter Musks öffentlichem Auftritt verbirgt und die er nicht nur mit seinem PayPal-Kompagnon, dem Tech-Investor und Bilderberg-Funktionär Peter Thiel teilt.

Bei aller Aversion handelt es sich dabei allerdings nicht um eine bloße Verschwörungstheorie einer "linken" Zivilgesellschaft. Denn anhand dieser Weltanschauung lässt sich eine direkte Verbindung von Musk zu seinem Großvater Joshua Norman Haldeman und der Technokratie-Bewegung ziehen, welcher Telepolis eine vierteilige Serie gewidmet hat.

Was Monopolkapitalisten glauben

Unter Bezug auf den Vortrag des Soziologen Max Schnetker auf dem 38. Chaos Communication Congress (38C3) benennt netzpolitik.org die "KI-Religion der Tech-Barone" mit dem Begriff des Longtermismus.

Der Longtermismus folgt im Allgemeinen der Maxime, dass menschliche Handlungen, die sich positiv auf eine langfristige (Engl. "long-term") Zukunft auswirken, den Vorzug gegenüber anderen genießen sollen. Weil er seinen Wahrheitsanspruch auf die gesamte Gattung ausdehnt, gilt dem Longtermisten die Abwendung existenzieller Risiken als oberste Priorität.

Während ähnliche Überlegungen in der Menschheitsgeschichte bereits zuvor angestellt wurden, und jene sich zum Teil auch mit dem deutlich bekannteren Nachhaltigkeits-Gedanken im Angesicht eines menschheitsbedrohenden Klimawandels in Einklang bringen lassen, wurde das Konzept des Longtermismus konkret erst 2017 durch den schottischen Philosophen und Cambridge- wie Oxford-Absolventen William MacAskill benannt.

Gemeinsam mit dem ebenso überzeugten Longtermisten Toby Ord ist MacAskill zugleich Mitbegründer der Bewegung des "effektiven Altruismus", der sich nur unwesentlich von der althergebrachten Philosophie einer effektiven Maximierung des Gemeinwohls, dem Utilitarismus, unterschiedet.

Bei ihrer Beurteilung, welche Handlungen als erstrebenswert gelten, nehmen sich MacAskill und Ord den Oxford-Professor für Philosophie Nick Bostrom und seine Idealisierung der evidenzbasierten Entscheidungsfindung zum Vorbild.

KI: Transhumanistische Verheißung und Verhängnis

Im Geiste des Longtermismus hat Bostrom die sogenannte künstliche Intelligenz als existenzielles Risiko für die Menschheit bezeichnet. In "Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies" (2014) warnt er, dass eine "Superintelligenz" die Macht haben könnte, das menschliche Dasein grundlegend zu verändern oder eben gar zu gefährden.

Elon Musk, wie übrigens auch Bill Gates ein eifriger Leser Bostroms und finanzieller Unterstützer des von ihm mitbegründeten Future of Life-Instituts, hat bekanntlich schon ähnliche Warnungen ausgesprochen.

Gleichzeitig glaubt der selbst erklärte Transhumanist und Mitbegründer der transhumanistischen Organisation "humanity+", Bostrom, dass Technologie die Evolution auf eine höhere Stufe befördern wird, indem sie die natürlichen Grenzen der menschlichen Fähigkeiten überwindet.

Bostrom ist ebenso Anhänger der im Silicon Valley – etwa bei Personen wie Ray Kurzweil oder Kevin Kelly – populären Prophezeiung der technologischen Singularität. Einem Zustand, in dem eine nach eigenen Maßgaben operierende Technologie sich vom menschlichen Verstand bzw. Verständnis entkoppelt hat. Ein Zustand, der für Bostrom Verheißung und Verhängnis gleichermaßen repräsentiert.

Deshalb plädiert der Tech-Philosoph dafür, den technologischen Fortschritt longtermistischen Kontrollmechanismen zu unterwerfen – zumindest im Bereich der sogenannten Künstlichen Intelligenz und hinsichtlich der "Seed AI", dem Beginn der ihr angedichteten Autopoiesis, ihres Aus-sich-selbst-Hervorbringens.

Diese Vorsichtsmaßnahme, das "precautionary principle", genießt eigentlich keinen besonders guten Ruf unter den digitalen Disruptoren.

Wer die Kontrollmechanismen allerdings konkret implementieren soll, lässt Bostrom offen. Hier kommt die andere Philosophie ins Spiel, die laut des Vortrags auf dem 38C3 die Weltanschauung von Musk und Co. prägt.

Und die eine große Nähe zu den technokratischen Träumen des vergangenen Jahrhunderts aufweist.

Die neoreaktionäre Bewegung

Der Soziologe Schnetke folgt der AI-Alignment-Expertin Timnit Gebru und dem Philosophen Èmile P. Torres in deren TESCREAL-Theorem, welchem zufolge die Ideologie der Tech-Milliardäre Anleihen bei Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarianismus, russischem Cosmismus, Rationalismus, effektivem Altruismus und eben Longtermismus nimmt.

Von Torres übernimmt Schnetker auch die (hier ausführlich ausgebreitete) Theorie, dass der Longtermismus eine späte Ausprägung der Eugenik darstelle – eine Verbindung, die Telepolis an anderer Stelle zum (wissenschaftlich-technologischen) Elitarismus gezogen hat, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts herrscht. Allerdings nicht unter "Rechten".

Max Schnetker geht in seinem Vortrag noch einen Schritt weiter und verknüpft den Longtermismus mit dem anti-demokratischen Ideengebäude der sogenannten "Neo-Reaktionären" (NRx), anhand derer sich ebenfalls ein Konnex zu Thiel und Musk herstellen lässt.

Allerdings haben sich die NRx nach Wissen des Verfassers dieses Beitrags nie explizit auf Bostrom und Ord als ihre Vorbilder berufen. Auch Schnetkers Gleichführung ihres Konzepts des "Dark Enlightenment" mit Musks Ausruf des "Dark MAGA" unter Donald Trump scheint ebenso wenig nachvollziehbar wie seine mit Erich Fromm begründete Behauptung, dass der neue Techno-"Faschismus" einer "Furcht vor der Freiheit" (Fromm) verschuldet ist.

Aber schauen wir uns die Aussagen der Bewegung dazu einmal genauer an.

Libertarismus, endlich in die Tat umgesetzt

2013 berichtete das Magazin TechCrunch, dass die Bewegung der "Geeks, die zurück zur Monarchie wollen" ihre Inspiration in den anarcho-kapitalistischen Theorien von Herman Hoppe und den biologistischen Ausfällen von Steven Sailer gefunden sowie in den Theorien von Thomas Carlyle und Julius Evola ihre frühen Vorläufer hätten.

Im Zentrum der neoreaktionären Bewegung steht der Informatiker und Unternehmer Curtis Yarvin, der unter seinem Pseudonym Mencius Moldbug 2007 seinen eigenen Blog Unqualified Reservations startete. Yarvins Theorie trug anfangs den Namen "Formalismus" und repräsentierte eine Art dritten Weg neben (linkem) Progressivismus und (rechtem) Konservativismus. Oder, wie es Yarvin in seiner Urschrift, dem "Formalist Manifesto" ausdrückt: Libertarismus, der zum ersten Mal auch in die Tat umgesetzt wird. Und zwar ohne demokratische Werte:

Eine Schlussfolgerung des Formalismus ist, dass die Demokratie – darin waren sich die meisten Autoren vor dem 19. Jahrhundert einig – ein ineffektives und zerstörerisches Regierungssystem ist. (...) Formalisten führen den Erfolg Europas, Japans und der USA nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf die Demokratie zurück, sondern auf deren Fehlen.

Mencius Moldbug alias Curtis Yarvin – A Formalist Manifesto

"Ein guter Formalist", heißt es im Manifest, glaube, dass die organisierte Gewalt von Menschen an Menschen das drängendste Problem der Zivilisation darstellt. Die Demokratie, heißt es an anderer Stelle im Blog, habe nicht nur eine aufgeblähte Bürokratie und Korruption mit sich gebracht, sondern trage letztlich auch die Schuld an der Machtergreifung der Faschisten und Kommunisten.

Danach folgt eine Beschreibung, die nicht eindrücklicher an den Fetischismus (Solutionismus) aus den Reihen von Technocracy Incorporated erinnern könnte.

Der Schlüssel ist, das Problem nicht als moralisches, sondern als technisches Problem ("engineering problem" (!)) zu betrachten. Jede Lösung, die das Problem löst, ist akzeptabel. Jede Lösung, die das Problem nicht löst, ist nicht akzeptabel.

Mencius Moldbug alias Curtis Yarvin – A Formalist Manifesto

Wenn der Staat zum Unternehmen wird

Die Formalisten, schreibt Yarvin, erkennen "die moderne Unterscheidung zwischen 'privaten' Firmen und 'Regierungen' nicht an (Max Weber hätte dazu wohl genickt oder den Kopf geschüttelt).

Sie fordern, die bestehenden Macht- und Besitzverhältnisse in der Gesellschaft schlichtweg abzubilden – sprich: zu formalisieren – und diese Abbildungen nach dem Prinzip einer Aktiengesellschaft an die Bürger als "Aktionäre" zu verteilen. "Ein Formalist ist erst glücklich, wenn Eigentum und Kontrolle dasselbe sind", schreibt Yarvin.

Die formalistische Idee findet ihren politischen Ausdruck in einem preußisch inspirierten "Neokameralismus", in dem der Staat nichts weiter als ein Unternehmen ist, welches ein Land betreibt. Oder, von Yarvin anders ausgedrückt: "Eine Regierung kann (wie jedes Unternehmen) einen ausgezeichneten Kundenservice bieten, ohne ihre Kunden zu besitzen oder von ihnen besessen zu werden."

Unzufriedene Kunden stimmten einfach mit den Füßen ab und verlassen den Zuständigkeitsbereich der Regierung. "No voice, free exit" wird später zur Losung der Neoreaktionären. Aber warum reden sie von einem "dark enlightenment"?

Demokratie als Parasit des Fortschritts

Dieser Begriff geht auf einen anderen Pionier der Neoreaktionären zurück, den Philosophen Nick Land. Land gilt als Vater des Akzelerationismus, der Karl Marx gleichsam vom Kopf auf die Füße (oder wieder zurück?) stellte, als er proklamierte, in Zukunft werde sich der Kapitalismus vom Menschen befreien statt umgekehrt.

Seinen programmatischen Text zur "dunklen Aufklärung" von 2013 – ein Wortspiel mit dem Begriff des "dunklen Mittelalters" – leitet er mit einem Zitat ein, das von niemand Geringerem als Peter Thiel stammt (Land zitiert nur den ersten Satz).

Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind. In unserer Zeit besteht die große Aufgabe für Libertäre darin, einen Ausweg aus der Politik in all ihren Formen zu finden – von den totalitären und fundamentalistischen Katastrophen bis hin zum unreflektierten Demos, der die sogenannte "Sozialdemokratie" leitet.

Peter Thiel – The Education of a Libertarian

Diese Einlassung erinnert in markanter Weise nicht nur an die technokratischen Überzeugungen, sondern auch an die sozialdarwinistischen bzw. eugenischen Implikationen des platonischen Idealstaats. Den "heulenden, schreienden Mob" an schwerwiegenden Entscheidungen zu beteiligen, ist Land zufolge ein schwerer Fehler.

Jene unwissenden Massen stünden der freien Entfaltung des technischen Fortschritts im Wege und sorgten für gesellschaftliche Stagnation. Darauf folgt ein nahezu deckungsgleiches Argument zu dem der Technokraten, nämlich dass Demokratie als Folge der Industrialisierung zu begreifen sei, und nicht umgekehrt. Demokratie, schreibt Land, sei lediglich ein "Parasit" des Fortschritts.

Und noch einen bekannten Topos holt Nick Land aus der technokratischen Mottenkiste: Das Ideal einer effektiven bzw. effizienten Regierung, wie es auch in der von Elon Musk geleiteten US-Behörde DOGE angestrebt wird.

Die Formalisierung der politischen Befugnisse eröffnet drittens die Möglichkeit einer effektiven Regierung. Sobald das Universum der demokratischen Korruption in eine (frei übertragbare) Beteiligung an gov-corp. umgewandelt ist, können die Eigentümer des Staates eine rationale Unternehmensführung einleiten.

Nick Land – Dark Enlightenment

Weder Verschwörung noch Versöhnung?

Der Autor des oben zitierten TechCrunch-Artikels von 2013 zeigt zahlreiche Verbindungen zwischen den Neoreaktionären und dem deutschstämmigen Investor Thiel auf, mochte ihn aber, wie auch ein Artikel des Intelligencer von 2016, nicht als Teil einer "Verschwörung" bezeichnen, sondern nur als Kopf hinter "Ideen, die in der Startup-Szene zirkulieren."

Wird sich diese Einschätzung im Verlauf der zweiten Trump-Legislatur ändern? Der Intelligencer, Ableger des New York Magazine, welches in den Jahren 2016 und 2017 immerhin den Pulitzerpreis für kritischen Journalismus verliehen bekam, lieferte damals eine, wie der Verfasser findet, treffende Sozialdiagnose inklusive ihrer "long-term"-Auswirkungen:

Und dann ist da noch die Frage der Demokratie selbst - und die Anzeichen einer wachsenden Desillusionierung in Bezug auf ihre Fähigkeit, die Probleme der modernen Welt zu bewältigen.

Andrew Sullivan spekulierte kürzlich, dass Trumps Aufstieg die unvermeidliche Selbstzerstörung der Demokratien widerspiegelt und eine Runde von Streitigkeiten darüber auslöst, ob wir zu viel oder zu wenig Demokratie haben.

Wohlhabende Städter, die sich in der Regel durchsetzen, sind sozial progressiver als das Land insgesamt, und zu dessen beliebten politischen Maßnahmen gehört derzeit ein Verbot der muslimischen Einwanderung.

Wenn die Polarisierung weiter zunimmt, könnten die Menschen der Meinung sein, dass es wichtiger ist, die andere Seite von der Macht fernzuhalten, als demokratische Normen und Verfahren zu respektieren.

Park MacDougald, Intelligencer 2016