Gefährliche Keime im Meer: Wenn Hitzewellen das Badevergnügen vermiesen

Wenn das kühle Nass nicht mehr kühl genug ist, vermehren sich Vibrionen. Symbolbild: Pixabay Licence

Wassertemperaturen in Nord- und Ostsee sind ungewöhnlich hoch. Dadurch vermehren sich Vibrionen. Was Sie über die Erreger wissen müssen.

Der Sommer hat zum fünfzehnten Mal in Folge mit einem zu warmen Juni begonnen. Das Temperaturmittel lag dieses Mal bei knapp 17 Grad.

Zum Vergleich: In der Referenzperiode 1961 bis 1990 lag es Mittel bei 15,4 Grad. Januar, Februar, März und April 2024 gehören im Mittel alle zu den Top Ten der jeweils wärmsten Monate seit 1962. Mit bis zu 18 Grad waren auch die Wassertemperaturen an den Küsten der deutschen Ost- und Nordsee rekordverdächtig hoch.

Bereits 2023 verzeichnete die Biologische Anstalt Helgoland des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) mit fast zwölf Grad Celsius im Jahresmittel die höchsten Ozeantemperaturen seit Beginn der Langzeitdatenreihe. In einer aktuellen Studie werteten die AWI-Forscher die Daten der Oberflächenwassertemperatur der Helgoland Reede zwischen 1962 und 2018 aus.

Marine Hitzewellen werden häufiger

Demnach nahm die Häufigkeit von starken und schweren marinen Hitzewellen nach den 1990er-Jahren deutlich zu, wobei sich die Hitzewellen auf die Monate März bis April und von Juli bis September konzentrieren. Das dritte Quartal des Jahres wies dabei die höchste Häufigkeit von Hitzewellen im Meer auf.

Die Nordsee erwärme sich so schnell, weil sie als Flachmeer von Landmassen umgeben ist, wie eine große Pfütze, erklärt Karen Wiltshire vom Alfred-Wegener-Institut. Daher seien die Temperaturen für das Festland konform mit denen für die Wassertemperatur. Zudem gebe es Hinweise auf eine Verbindung zwischen den Temperaturen der Meere und der Atmosphäre.

Die Temperatur ist eine der wichtigsten Triebkräfte für die Vielfalt der Arten und deren Verteilung. Dementsprechend haben sich in der Nordsee bereits die Häufigkeit bestimmter Arten bzw. die Zusammensetzung von Gemeinschaften geändert.

Erwärmung trifft Ökosystem der Nordsee langfristig

Die Hauptursache für die hohen Oberflächentemperaturen der Ozeane und das vermehrte Auftreten von marinen Hitzewellen sehen die Forscher in der globalen Erwärmung. Nicht nur im Sommer, auch im Winter können die Wassertemperaturen deutlich oberhalb der üblichen Werte liegen. Bisher habe der Ozean wie eine große kühlende Klimaanlage gewirkt, erklärt Thorsten Reusch vom Forschungsbereichs Marineökologie am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Diese Klimaanlage überhitze sich langsam. Danach werde es sowohl im Meer als auch an Land ungemütlich, denn Temperaturspitzen würden immer schlechter abgedämpft. Die Folge seien immer mehr Hitzewellen an Land und im Meer.

Zudem kann das Wetterphänomen El Niño die Situation noch verschärfen. Organismen im Wasser reagieren darauf besonders empfindlich, da diese meist eher geringere Temperaturschwankungen gewohnt sind. Zum einen können marine Hitzewellen Fische und andere Meeresorganismen töten.

Zum anderen verbreiten sich Algenblüten. Diese bedrohen Fischbestände, was wiederum Beutegreifer wie Robben und Vögel gefährdet.

Mit dem Klimawandel steigt die Gefahr einer Vibrionen-Infektion

Mit der Erwärmung des Meerwassers, insbesondere im Sommer, finden Bakterien ideale Bedingungen vor, um sich zu vermehren – etwa Bakterien der Gattung Vibrio, den so genannten Vibrionen. Die stäbchenförmige Bakterien kommen auch in der Nord- und Ostsee vor.

Zu den bekanntesten Vertretern zählen Cholera-Vibrionen, die zu der gleichnamigen, hoch ansteckenden Magen-Darm-Infektion führen können. Die so genannten Nicht-Cholera-Vibrionen lösen dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge bei Kontakt mit Menschen schwere Wund- und Magen-Darm-Infektionen aus.

Aufgrund des niedrigeren Salzgehalts des Wassers in der Ostsee können sich Vibrionen dort besser ausbreiten als an der Nordsee.

Infektionen sind normalerweise gut zu behandeln

Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) können Vibrionen durch kleine, unbemerkte Wunden in den menschlichen Körper gelangen, wo sie Wundinfektionen auslösen, die zu einer Sepsis führen können. Im harmlosen Fall bekommt man Durchfall. Im schlimmsten Fall kann sie allerdings auch tödlich enden. Bei älteren Menschen und Personen mit geschwächtem Immunsystem muss eine Infektion muss im Krankenhaus behandelt werden.

Auch Fische und Meeresfrüchte aus betroffenen Gebieten können Vibrionen in sich tragen, sodass die Mikroorganismen auch durch den Verzehr von rohem oder unzureichend erhitztem Fisch aufgenommen werden.

Zwischen 2019 und 2022 verzeichnete das RKI jährlich bis zu 20 Infektionen mit Vibrionen an deutschen Küsten, die hauptsächlich von Juni bis September auftraten. Personen, die zur Risikogruppe gehören, sollten sich daher vorab informieren und belastete Badegewässer vermeiden.

Während Algen blühen, wird Sauerstoff im Wasser knapp

Marine Hitzewellen wirken sich wegen der Durchmischung der Wassersäule an der Küste auch auf die Lebensräume am Meeresboden aus. In wärmerem Wasser können sich weniger Gase wie Sauerstoff und Kohlendioxid lösen.

Wird der Sauerstoff knapp, sei es für viele Meeresorganismen schwieriger, zu atmen, weiß Katrin Schroeder, Ozeanografin beim italienischen Marineforschungsinstitut (ISMAR). Gerade in wärmerem Wasser aber müssten sie sogar mehr atmen, weil die höheren Temperaturen ihren Stoffwechsel beschleunigten. Das aber werde durch die geringere Sauerstoffkonzentration im Wasser immer schwieriger. https://www.merkur.de/welt/klima-rekord-vor-kroatien-kueste-wassertemperatur-steigt-folgen-tiere-urlaub-93193007.html

Meeresbewohner drohen zu verhungern

Bei Sauerstoffmangel werden nicht nur Fische, sondern auch andere Organismen, die normalerweise als Schadstofffilter und Nahrungsquelle dienen, aus ihrem natürlichen Lebensraum verdrängt. Gleichzeitig nehmen die Meere immer mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und werden saurer.

Wegen zunehmender Erwärmung droht vielen Meeresbewohnern der Hungertod. Dabei beschleunigt der Temperaturanstieg den Stoffwechsel, so dass die Organismen eigentlich mehr Nahrung brauchen, um diese Stoffwechselrate aufrechtzuerhalten. Zudem kommt es bei hohen Temperaturen häufig zu einer Blüte von Mikroalgen, bei der Giftstoffe in die Luft freigesetzt werden können. Der Algenschleim schreckt zurzeit auch die Urlauber an der oberen Adria vor Slowenien, Kroatien und Italien vorm Baden ab.

Mittelmeerraum ächzt unter Hitzeschock

Auch das Mittelmeer ist derzeit vielerorts zu warm. So liegt die Oberflächentemperatur bei 26,5 Grad und damit rund zwei Grad über dem Mittelwert. Bereits im vergangenen Jahr erhöhte sich die mittlere Oberflächentemperatur bis ins letzte Julidrittel auf über 28 Grad. Der Höhepunkt wird allerdings erst in der zweiten Augusthälfte erwartet.

Besonders Kroatien hat mit einer endlosen Hitzewelle zu kämpfen: An der kroatischen Adria wurden kürzlich knapp 30 Grad Wassertemperatur gemessen. Am 15. Juli wurde vor Dubrovnik im Süden des Landes mit 29,7 Grad Celsius ein neuer Rekord im Meerwasser verzeichnet.

In Spanien und auf der Balkanhalbinsel herrschen Temperaturen bis an die 40 Grad. Vor der Mittelmeerküste der Türkei wurde die 30-Grad-Marke schon geknackt. Im vergangenen Jahr waren ähnliche Wassertemperaturen in Italien zwischen Sizilien und Neapel gemessen worden, vier Grad über dem Normalwert. Bis in den November hinein konnte man im Meer baden. Die Sommersaison hatte in diesem Jahr bereits im Februar begonnen.