Hier ist das Berlin, das jeder haben will

Moritzplatz. Bild: Aufbau Verlag, Reno Engel / CC-BY-SA-4.0

Moritzplatz in Kreuzberg: "Kahlschlagsanierung" und neue Wirklichkeit

Hier ist das Berlin, das keiner haben will: zerbombt, abgerissen, lustlos wiederaufgebaut, hässlich. Keine Menschenseele würde sich für die Stadt interessieren, wenn sie überall so aussähe.

Udo Badelt: Der Moritzplatz: schlafende Schönheit, in: Der Tagesspiegel vom 5. Juli 2010

Ähnlich wie man heute mit Verachtung auf die Architektur der Nachkriegsmoderne blickt, sah man bis mindestens in die 1970er auf das "steinerne Berlin" der Gründerzeit. "Licht, Luft, Sonne!" war das Nonplusultra in West und Ost. Von "lustlos wiederaufgebaut" kann keine Rede sein.

Es herrschte Aufbruchstimmung, als der Wiederaufbau begann. Manch ein Stadtplaner sah in den Kriegszerstörungen sogar einen Segen. Der Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg wirkt heute vor allem deshalb so zerrupft, weil hier die Westberliner "Kahlschlagsanierung" zum Stillstand kam und nördlich Ostberlin begann.

Auf der Westseite hat 2011 das Aufbau-Haus des gleichnamigen Verlages samt eines sogenannten Kulturkaufhauses eröffnet, das seitdem scharenweise Kreative anlockt. Das war auch die Absicht der Betreiber, die an eine glorreiche Vergangenheit anknüpfen wollten, als diese Ecke Berlins "zum Inbegriff der Urbanität" wurde, wie es auf deren Webseite heißt. Gemeint ist die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Tatsächlich befand sich an der Stelle des heutigen Aufbau-Hauses mit der Bierquelle Aschinger ein großes Vergnügungsetablissement, und gegenüber, wo heute ein paar Unentwegte in den Prinzessinnengärten Landwirtschaft und einen Biergarten betreiben, eröffnete 1913 ein großes Wertheim-Kaufhaus. Deshalb gibt es hier überhaupt einen U-Bahnhof, denn der Wertheim-Konzern zahlte viel dafür, dass die U-Bahn hier einen Schlenker macht.

Allerdings war die Luisenstadt, wie die Gegend um den Moritzplatz bis 1920 hieß, Teil des proletarischen Berliner Ostens, wohin es viele arme Schlucker aus den preußischen Ostprovinzen zog. Zur Urbanität zählte damals auch eine große Wohnungsnot. Menschen, die auf Handkarren ihr gesamtes Hab und Gut durch die Straßen zogen, gehörten am Quartalsende zum normalen Stadtbild.

Die Hälfte der Berliner wechselte ein Mal im Jahr die Wohnung

Seinerzeit wechselten durchschnittlich knapp die Hälfte der Berliner ein Mal im Jahr die Wohnung, denn es gab keinerlei staatliche Regulierung der Mietverhältnisse und daher keinen Kündigungsschutz. Bisweilen mischten sich aber auch die Nachbarn ein oder zufällig anwesende sensationslüsterne Passanten. Dann konnte auch schon mal ein Vermieter verprügelt und seine Wohnung demoliert werden, und es kam zu kleineren Scharmützeln mit der herbeigerufenen Polizei.

Bereits Ende Juni 1863 geriet der Moritzplatz erstmals in die Schlagzeilen. Am 29. Juni kündigte der Gastwirt A. Schulze aus der Oranienstraße 64 seinen eigenen Rauswurf zum Monatsende an, indem er in seiner Kneipe ein entsprechendes Schild aufhing. Wegen des umsatzsteigernden Erfolges plakatierte er am Folgetag auch in den angrenzenden Stadtteilen. Damit lockte er genügend Menschen an, um Rabatz machen zu können und löste so die Moritzplatzkrawalle aus.

Diese breiteten sich bald im ganzen Viertel aus und verwandelten die Gegend bis zum 4. Juli in ein Schlachtfeld, auf dem es zu Hetzjagden auf Polizeibeamte kam, die ihrerseits mit blankem Säbel ins Gefecht zogen. Während der oppositionelle bürgerlich-liberale Publizist die Tumulte zu großstadtüblicher Randale kleinzuschreiben trachtete, sah die konservative, dem Obrigkeitsstaat verpflichtete Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung bereits "den Anfang einer Revolution der Mieter gegen die Vermieter", weil die bürgerliche Profitwirtschaft Unruhe geradezu provoziere.

"Zur Mütze"

In der Oranienstraße 64 befindet sich heute keine Kneipe mehr. Dafür lädt ein Haus weiter eine wundervolle Kaschemme namens "Zur Mütze" zum Verweilen ein. Gegen Feierabend sind die Plätze am Tresen fast alle belegt. Manch einer trägt noch seine Arbeitsklamotten. Es wird berlinert, geraucht und gesoffen. Wenn nicht gerade der Berliner Rundfunk vor sich hin dudelt, läuft aus der Jukebox Musik aus der Jugend der meisten Stammgäste, Uriah Heep etwa oder Black Sabbath.

Man kann Dart spielen oder sein Geld in einem der beiden Geldspielautomaten schreddern. Auf eine Wand sind die Noten des Gassenhauers "Das ist die Berliner Luft" von Paul Lincke, der hier in der Gegend wohnte, gemalt. Eine klassische Berliner Kneipe.

Otto-Suhr-Siedlung

Das Gebäude, in dem sich dieses Reservat für Berliner Urgesteine befindet, ist weniger klassisch. Es ist Teil der Otto-Suhr-Siedlung, die hier von 1956 bis 1963 in der Hochphase des Kalten Krieges entstand. Berlin war damals das Schaufenster zweier konkurrierender Systeme, und Ostberlin hatte mit der Stalinallee städtebaulich vorgelegt. Wie die Ernst-Reuter-Siedlung im Wedding, deren Bau kurz zuvor begonnen hatte, war die Otto-Suhr-Siedlung ein Vorzeigeprojekt, welches die Überlegenheit des westlichen Städtebaus vorführen sollte.

Beide Siedlungen entstanden ganz bewusst an der Sektorengrenze zum sowjetischen Sektor, damit sie von Ostberlin aus gesehen werden können. Das war zwar etwas albern, weil bis zum Mauerbau viele Ostberliner ohnehin regelmäßig Westberlin besuchten – zum Arbeiten oder zum Einkaufen, für Kinobesuche oder um einen der beiden Westableger des heutigen 1. FC Union Berlin anzufeuern.

Die Gegend bot sich aber auch deshalb für die Bebauung an, weil ein amerikanischer Luftangriff kurz vor Kriegsende große Teile der alten Luisenstadt dem Erdboden gleich gemacht hatte und hier deshalb relativ leicht Baufreiheit herzustellen war.

Moritzplatz Berlin mit Grenzübergang Prinzenstraße, 1989. Bild: Roehrensee / CC-BY-SA-3.0

Viele der Häuser, die hier entstanden, könnten genauso gut in der gegen Ende der Weimarer Republik errichteten Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg stehen. Die zählt seit 2008 immerhin zum Weltkulturerbe. Wie in allen Siedlungen der Moderne gibt es nur wenige Ladenräume, weshalb es hier für Kreuzberger Verhältnisse ausgesprochen ruhig ist. In der Kommandanten-/Ecke Alexandrinenstraße befindet sich ein kleines Zentrum, das fest in türkischer Hand ist.

Es gibt das Musikcafé Masal, das tagsüber hauptsächlich von türkischen Frauen besucht wird, sowie die Sportsbar Stadtmitte, deren Namen daran erinnert, dass das historische Zentrum Berlins von hier bequem zu Fuß zu erreichen ist. Begrenzt wird das Viertel in westlicher Richtung von einer größeren Wiese mit ein paar Bäumen und einem Sportplatz, die man etwas großspurig Waldeckpark getauft hat. Dahinter ist die Bundesdruckerei.

Etwa zwei Drittel der Bewohner haben heute einen Migrationshintergrund, zumeist einen türkischen. Die Otto-Suhr-Siedlung gehört zu den ärmsten Gegenden der Stadt. Ursprünglich hatte die städtische Wohnungsbaugesellschaft Bewoge alle Wohnungen im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus errichtet.

Deutsche Wohnen: "Fallstudie Kreuzmitte"

Nach Privatisierungen und "In-sich-Verkäufen" an andere städtische Wohnungsbaugesellschaften verwaltet heute die aus der Ostberliner Kommunalen Wohnungsverwaltung Mitte hervorgegangene WBM knapp die Hälfte des Wohnungsbestandes und den größeren Teil die inzwischen zum Vonovia-Konzern gehörende, gewinnorientierte Deutsche Wohnen.

Da die deutsche Wohnungsbauförderung den Bauherren nur eine zeitlich begrenzte Sozialbindung als Gegenleistung abverlangt, ist diese in der Otto-Suhr-Siedlung längst ausgelaufen. Das Gleiche gilt für die Spring-Siedlung, die nach dem Mauerbau auf der anderen Seite der Oranienstraße als Erweiterung entstand.

Vor fünf Jahren schreckte denn auch die Deutsche Wohnen mit einer "Fallstudie Kreuzmitte" die Bewohner auf. Darin erhoffte sich die größte Vermieterin des Viertels mittelfristig eine um 100 Prozent höhere Marktmiete, die sie im Wesentlichen durch energetische Sanierung durchzusetzen gedachte.

Schnell bildete sich mit dem "Bündnis Otto-Suhr-Siedlung + Umgebung" eine Interessenvertretung der betroffenen Mieter. Gemeinsam mit dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist es ihnen immerhin gelungen, die nach der Modernisierung zu erwartenden Mieterhöhungen für die Bestandsmieter auf höchstens 1,79 Euro pro Quadratmeter zu deckeln.

Die Aldi-Filiale gegenüber der Mütze schloss aber trotzdem letztes Jahr. Stattdessen bietet jetzt Denns BioMarkt seine Waren feil.

Moritzplatz, Gebäude an der Nord-Ost-Seite. Bild: Georg Slickers / CC-BY-SA-2.5

Vom Moritzplatz in Richtung des U-Bahnhofs Prinzenstraße sah man bis vor kurzem noch einige Brachflächen und behelfsmäßige Bauten. Die Autovermietung Robben & Wientjes machte sich hier breit. Auf deren beiden Grundstücken errichtete die Pandonion AG zwei Bürogebäude mit wichtigtuerischen Namen. Es herrscht eine gewisse Goldgräberstimmung. Die Tankstelle an der Ecke zur Ritterstraße hält sich bisher noch. Ein zweigeschossiges Haus, in dem man Pumpen aller Art kaufen kann, steht jetzt inmitten zweier Baustellen. Wohnungen entstehen keine.