Lebensverlängerung?

Kalifornische Wissenschaftler haben erstmals die biologische Uhr in menschlichen Zellen verstellt.

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DNA - UT Southwestern

Kaum ist das Klonen wieder von den Nachrichten verschwunden, gibt es schon eine neue Sensationsmeldung aus der Wissenschaft zur Manipulation der Körpers und der Veränderung des menschlichen Lebens. Es ist schon seltsam mit den gedruckten Publikationen heute. Noch sind sie gar nicht erschienen, aber beim Erscheinen werden sie schon veraltet ein, weil die Informationen bereits zuvor in der Öffentlichkeit zirkuliert sind. Diejenigen, die noch keinen Zugang zum Internet besitzen, leben gewissermaßen verzögert, etwas weniger in der globalen Echtzeit.

Am 13.1.98 wurde jedenfalls durch eine Veröffentlichung eines Beitrages, der am 16. Januar in der Zeitschrift Science publiziert werden soll, ein erfolgreiches Experiment der Öffentlichkeit bekannt gegeben, das möglicherweise viele Konsequenzen haben könnte. Forscher vom Medical Center der University of Texas Soutwestern berichteten, daß sie zusammen mit der gentschnischen Firma Geron die Lebensspanne von menschlichen Zellen durch das Einbringen des Enzyms Telomerase verlängern konnten. Woodring Wright und Jerry Shaw, die Leiter des Teams, sprechen von der Möglichkeit, jetzt die Zeitspanne des gesunden Lebens verlängern, jünger bleiben und viele Krankheiten besser behandeln zu können. Kaum kursierte diese Neuigkeit, schossen auch schon die Aktien der kalifornischen Firma um über 40 Prozent in die Höhe. Da erwartet man sich sichtlich ein Geschäft.

Woodring Wright und Jerry Shaw - UT Southwestern

Schon vor einiger Zeit hatte Michael Fossel aufgrund dieser Forschungen über das Unsterblichkeitsenzym Telomerase großartige Visionen entwickelt und von einer Verlängerung des Lebens von 200, 300 oder gar 500 Jahren gesprochen. Die Forscher sind da noch etwas vorsichtiger, denn sie sagen, nicht die biologische Lebensspanne von 120 Jahren selbst, sondern nur die Zeit, in der der Körper gesund leben kann, ließe sich verlängern. Jünger könne uns das Enzym auch nicht machen, aber doch die in uns tickende Zeituhr des Zelltodes ein wenig bremsen.

UT Southwestern

Normale Zellen können eine bestimmte Zahl von Zellteilungen ausführen und treten irgendwann in den Zustand der replikativen Seneszenz ein, in dem sie sich nicht weiter teilen können und schließlich sterben. An den beiden Enden eines Chromosoms befinden sich gewissermaßen Kappen, die man Telomere nennt. Bei jeder Teilung verschwindet dieser Vorrat an Telomeren. Wenn alle verbraucht sind, stirbt die Zelle. Geschlechts- und in Krebszellen sind hingegen in der Lage, eine reproduktive Unsterblichkeit zu erreichen, weil sie das Enzym Telomerase bilden, das die Teilungsfähigkeit erhält. Die kalifornischen Forscher konnten bei menschlichen Retina- und Hautzellen zeigen, daß sie, nachdem man in sie Vektoren mit dem Gencode zur Produktion von Telomerase eingebracht hatte, die Telomer-Schutzkappen verlängerten, sich besser und vor allem länger als ihre normale Lebensspanne teilten. Zumindest in vitro lassen sich jetzt normale menschliche Zellen in einem jugendlichen Zustand erhalten. Das könnte etwa bei der Chemotherapie von Krebserkrankungen wichtig werden, wenn dem Patienten zuvor entnommene Zellen aus dem Blut oder dem Immunsystem wieder injiziert werden - vermehrt und aufgefrischt.

Noch hat man solche aufgefrischten Zellen nicht in einen menschlichen Organismus wieder eingebracht, aber die Forscher hoffen, daß dies bald möglich sein wird. Dann ließen sich vielleicht nicht nur Alterskrankheiten wie beispielsweise Arteriosklerose behandeln, sondern möglicherweise auch Krebs. Die Forscher sagen, daß die Aktivierung von Telomerase nicht, wie man befürchtet hat, normale Zellen in Krebszellen umwandelt. Da Krebszellen Telomerase produzieren und daher sich endlos weiter vermehren können, müßte der umgekehrte Weg beschritten und die Produktion des Enzyms unterdrückt werden, wodurch sie irgendwann aufhören, sich zu teilen.