Konditionierung für den Biokrieg

Seite 2: Pestleichen und Pockendecken

Kriegsführer hatten das Potenzial von Infektionskrankheiten schon erkannt, als es nur sehr vage Vorstellungen von Ansteckung und gar kein Wissen über die Erreger selbst gab. Als 1347 unter den Tartaren, welche die Krim-Stadt Kaffa belagerten, die Pest ausbrach, ließ Khan Dschani Beg die Leichen eigener Soldaten über die Befestigungsmauern katapultieren. Wie erhofft brach unter den Verteidigern ebenfalls die Pest aus, die Überlebenden flohen zu Schiff – und brachten die Seuche damit nach Europa.

Vierhundert Jahre später verteilten die Briten Decken, die von Pockenkranken stammten, unter amerikanischen Ureinwohnern. Solchen gezielt, oft aber auch unabsichtlich verbreiteten Krankheiten fielen schätzungsweise 80 Prozent der amerikanischen Ureinwohner zum Opfer, lokal oft noch weit mehr.

Im 1. und 2. Weltkrieg testeten viele Staaten Biowaffen, teilweise an Kriegsgefangenen, setzten sie aber militärisch meist nicht ein, vielleicht aus der Sorge um die Rückwirkung auf eigene Soldaten. 1942 plante das britische Militär den Abwurf von mit Milzbrandsporen verseuchten Leinsamenkuchen über Deutschland (Operation Vegetarian), um Nutzvieh und Zivilisten zu infizieren.

Man rechnete mit mehreren Millionen Toten. Es kam aber nur zu einem Test auf der kleinen schottischen Insel Gruinard, die daraufhin fast 50 Jahre lang unbewohnbar blieb. Die Sporen im Boden hätten noch länger überlebt und mussten mit einer großflächigen chemischen Dekontamination beseitigt werden.

Im Krieg gegen China setzten die japanischen Streitkräfte mehrmals Pest- und Milzbranderreger gegen Zivilisten ein, so wurden aus Flugzeugen etwa 150 Millionen pestinfizierte Fliegen über Städten in der Mandschurei freigesetzt. Die streng geheimen Aktionen der "Einheit 731" forderten fast 300.000 Todesopfer unter chinesischen Zivilisten, aber auch 1.700 japanische Soldaten starben, als sie unwissend kontaminiertes Gebiet zurückeroberten.

Diese Einsätze galten auch damals schon als Kriegsverbrechen, doch die Haupttäter blieben nach Kriegsende unbehelligt, weil die US-Regierung ihnen im Austausch gegen die Forschungsergebnisse Straffreiheit zugestand.

Vorkriegs-Planspiele

Im Kalten Krieg wurde auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs weiter fleißig an Biowaffen geforscht. Mit "Operation LAC" und "Sea Spray" erprobten US-Militärs deren effektive Ausbringung an der eigenen Bevölkerung. Laut Wikipedia2 "wurden ahnungslose Bewohner der San Francisco Bay Area mit Serratia marcescens und Bacillus globigii besprüht, Krankheitserregern, die dann an einigen ungewöhnlichen Krankheitsausbrüchen, einschließlich Lungenentzündung und Harnwegsinfektionen, und sogar einigen Todesfällen beteiligt waren."

Bis 1969 wurden 239 Freiluftversuche mit biological agents durchgeführt, die damals als unbedenklich, heute aber teilweise als krebserregend gelten.

1969 wurde nicht-defensive Forschung in den USA offiziell verboten. Am 10. April 1972 unterzeichneten 118 Staaten die Biowaffenkonvention und verpflichteten sich, Biowaffen weder zu entwickeln noch herzustellen noch zu lagern oder weiterzugeben.

Heute sind 183 Staaten dabei, darunter alle Industriestaaten mit Ausnahme von Israel. Ausgenommen vom Verbot ist allerdings die Forschung zu defensiven Zwecken, beispielsweise zur Herstellung von Impfstoffen – ein Schlupfloch, auf das sich insbesondere die USA öfter berufen. Vermutlich wurde auch in anderen Staaten insgeheim weiter an Biowaffen geforscht, bekannt ist dies unter anderem vom Irak, Südafrika und der Sowjetunion, wo es in Sverdlowsk bei der Herstellung von offenbar waffenfähigen Milzbrand-Sporen 1979 zu einem Unfall kam, bei dem etwa 100 Menschen starben.

Erleichtert werden solche Geheimprogramme durch das Fehlen eines internationalen Kontrollmechanismus, wie er sich für die Kontrolle des Chemiewaffenverbots bewährt hat. Die Verabschiedung eines entsprechenden Zusatzprotokolls scheitert bis heute an der Ablehnung der USA.

Erst kurz vor der Jahrtausendwende gerieten Biowaffen wieder in den Fokus von Militärs und Politikern. Insbesondere nach 9/11 fürchtete man in den USA Terrorangriffe mit Milzbrand-, Pest- und Pockenerregern und führte bis 2005 eine Reihe von Planspielen durch, darunter: Project Jefferson (1997), Clear View (1997 bis 2000), Project Bacchus (1999 bis 2000), Dark Winter (Juni 2001), Global Mercury (September 2003), Atlantic Storm (Januar 2005). Details finden sich in der (englischsprachigen) Wikipedia und Paul Schreyers Buch Die angekündigte Pandemie3.

Ab 2017 wurden diese Planspiele wieder aufgenommen, nun ging aber die Gefahr, gegen die man sich wappnete, nicht mehr von Terroristen, sondern von einer Pandemie mit einem "neuartigen Coronavirus" aus:

  • SPARS Pandemic 2025–2028 (Oktober 2017) – Futuristisches Planspiel mit einem "neuartigen Coronavirus", das eine Pandemie auslöst.
  • Clade x (Mai 2018) – simulierte Pandemie mit bis zu 900 Mio. Toten, ausgelöst durch ein Laborvirus.
  • Event 201 (Oktober 2019) – simulierte die Auswirkungen eines fiktiven, von Fledermäusen stammenden Coronavirus.

Die Szenarien der letzten drei Übungen weisen verblüffende Ähnlichkeiten zur Coronapandemie auf. Das muss allerdings, wie auch Schreyer betont, nichts bedeuten. Eine Brandschutzübung ist noch kein Indiz dafür, dass ein kurz darauf ausgebrochener Brand konkret vorausgesehen oder gar selbst gelegt worden ist. Das Coronavirus galt schließlich unter Wissenschaftlern schon seit vielen Jahren als heißer Kandidat für eine Pandemie.

Es wird über die Luft verbreitet und befällt die Atemwege. Das respiratorische System ist die mit Abstand größte Schnittstelle – wie man in Computerdeutsch sagen würde – unseres Körpers mit der Umwelt, die Oberfläche der Lunge beträgt etwa 100 Quadratmeter. Ein riesiges Einfallstor für Schadstoffe und Viren, das sich allerdings mit einer Maske schon relativ gut schützen lässt.