Proteste, Bremser und Herkules-Aufgaben

Windpower in Liu'ao/China. Bild (2015): Vmenkov/CC BY-SA 4.0

Die Energie- und Klimawochenschau: Ein alles andere als vollständiger Rückblick auf 2021 (Teil 1)

Was für ein Jahr. Es begann mit der bis dahin schlimmsten Corona-Welle, in der zeitweise um die tausend Menschen pro Tag starben, es endet mit den bisher höchsten Infektionsraten und in der Erwartung eines neuen weiteren Höhepunktes, obwohl die Menschen in den Krankenhäusern schon jetzt längst am Limit arbeiten und immer mehr kündigen, weil sie sich selbst schützen müssen.

Als sei das alles noch nicht genug, hat auch die Klimakrise keine Pause gemacht. Mancherorts, vom Ahrtal ("Es war der Klimawandel") über Malta, die türkische Schwarzmeerküste, das chinesische Zhengzhou, bis nach Sibirien, Westkanada, Haiti und Kentucky in den USA, haben Überschwemmungen, schwere Stürme, Hitzewellen und dramatische Waldbrände die Not noch vergrößert.

Atempause in Lützerath

Aber bevor wir einen etwas intensiveren Blick auf das zu Ende gehende Jahr richten, eine gute Nachricht: Am rheinländischen Braunkohletagebau Garzweiler 2 droht im Dorf Lützerath (Stadt Erkelenz) vorerst keine Räumung.

Der Braunkohlekonzern RWE hatte beantragt, noch vor Abschluss des Enteignungsverfahrens, den Hof des Landwirts Eckardt Heukamp abreißen zu dürfen. Die zuständige Bezirksregierung in Arnsberg hatte dem zugestimmt, aber Heukamp sowie zwei Mieter aus den betroffenen Gebäuden hatten Beschwerde eingelegt.

Anfang Januar hätte über diese entschieden werden sollen, doch nun hat das Oberverwaltungsgericht bekanntgegeben, dass wegen einer Erkrankung und "der Komplexität des Verfahrens" vorerst nicht mit einer Entscheidung zu rechnen ist.

Dennoch wird es am 8. Januar eine Demonstration in Lützerath geben, wo inzwischen ein Protestcamp erreichtet wurde. Telepolis hatte mehrfach berichtet.

Vandalismus

Doch nun zum ersten Teil unseres Rückblicks auf 2021. Begonnen hatte das Jahr mit einer Meldung aus besagtem Lützerath, wo RWE Häuser und Stallungen abriss, um die verbleibenden Bewohner unter Druck zu setzen.

"Vandalismus unter Polizeischutz" haben wir das genannt. Im Herbst konnten wir uns davon überzeugen, dass auf den betroffenen Grundstücken (im Vordergrund) inzwischen reichlich Unkraut wächst, aber ansonsten nichts weiter geschehen ist.

Fridays for Future

Bei den verschiedenen Protesten, die übers Jahr immer wieder an den Tagebaukanten in Lützerath und anderswo stattfanden, waren auch Mitglieder von Fridays for Future dabei, die hierzulande vor wenigen Wochen den dritten Jahrestag ihrer Schulstreiks und anderen Aktionen begannen.

Trotz Corona waren sie auch 2021 weiter aktiv – manchmal auf der Straße, oft aber auch im Netz, was es sicherlich nicht einfacher macht, die Interessierten bei der Stange zu halten. Aus vielen Orten wird ein Schrumpfen der Gruppen berichtet.

Dennoch gab es auch in diesem Jahr von März bis November acht internationale Aktionstage. Die größte Beteiligung gab es am 24. September, als in 1.335 Städten in 102 Ländern Menschen zu Demonstrationen und anderen Aktionen auf die Straße gingen.

In Deutschland beteiligten sich zwei Tage vor der Bundestagswahl nach Zählung der hiesigen Fridays-for-Future-Koordination rund 620.000 Menschen in über 470 Orten.

Ein Kohleausstieg bis spätestens 2030, ein Stopp aller Autobahnprojekte, Investitionen in ÖPNV und Fahrrad und "ein festes Datum für ein sozialverträgliches Ende der Neuzulassung von Verbrennungsmotoren bei PKWs" waren die Forderungen an die Parteien.

Entsprechend groß ist der Frust über das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen, weshalb die Proteste weitergehen sollen, wobei unter anderem auch die Banken im Visier genommen werden, die immer noch Investitionen in fossile Infrastruktur unterstützen. Die letzten größeren Demos gab es am 22. Oktober, als in Berlin zum Beispiel nach Angaben der Veranstalter 20.000 Menschen auf die Straße gingen.

Klimaneutralität bis 2045 sei zehn Jahre zu spät und es fehle ein Datum für den Gasausstieg ebenso wie ein Moratorium für Autobahnen, heißt es bei den jungen Klimaschützerinnen und -schützern in einer Kritik des von SPD, Grünen und FDP abgeschlossenen Vertrages.

Deutschlands Rückstand

International läuft es mit dem Klimaschutz ein klein wenig besser. Global war 2021 ein weiteres Rekordjahr für die erneuerbaren Energieträger.

Hierzulande kann davon jedoch keine Rede sein. In Deutschland stand in den letzten Jahren die Bundesregierung mit beiden Füßen auf der Bremse. Nach den Daten des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme wurden zwischen Rhein und Oder bis Ende November nur 1,6 Gigawatt (GW) neuer Windkraftleistung an Land installiert.

In den besten Jahren ist die Leistung der an Land installierten Windkraftanlagen um rund fünf GW gewachsen, und nötig wären für das Erfüllen der in der Pariser Klimaübereinkunft eingegangen Verpflichtungen die Installation von deutlich über zehn GW jährlich. Zumal auch zunehmend alte Anlagen ersetzt werden müssen, sodass nicht jeder Neubau die Kapazitäten erhöht.

Noch schlechter sieht es auf See aus, wo 2021 bisher kein neues Windrad ans Netz ging. Auch der Ausbau der Biomasseanlagen ist fast zum Stillstand gekommen.

Allerdings ist das bei den gegenwärtigen Rahmenbedingungen, wo diese meist mit Mais oder anderem Getreide aus der Intensiv-Landwirtschaft betrieben werden nicht so bedauerlich. Hier wäre endlich ein Umstieg auf Blühpflanzen oder ähnlichem sowie auf die ausschließliche Nutzung in der Kraft-Wärme-Kopplung notwendig, bei der auch die Abwärme genutzt wird.

Der Ausbau der Solarenergie hat sich hingegen in den letzten Jahren aufgrund der stark gefallenen Anlagenpreise wieder etwas erholt und beträgt in den ersten Hälften 2021 rund 4,4 GW, womit dieses Jahr circa 60 Prozent des 2012 erreichten Höchstwertes installiert würden.

Global bietet sich hingegen ein ganz anderes Bild und für die Deutschen wird es vielleicht wirklich einmal Zeit, sich von der Vorstellung zu verabschieden, Energiewende und Klimaschutz fände nur hierzulande statt.

Das Gegenteil ist der Fall. Deutschland ist unter der Regierung von Union und SPD inzwischen weit zurückgefallen. Auch die Politprofis der FDP hatten 2011 beim Strangulieren der Solarindustrie schon das ihre dazu beigetragen.