Finnland und die Nato: Abhängig von Erdoğans Gnaden

Erdoğan und Putin bei Fertigstellung des Offshore-Abschnitts von Turkstream in Istanbul, 2018. Bild: kremlin.ru, CC BY 4.0

Mit dem Abbruch des Russland-Handels hat sich Europa von der Türkei abhängig gemacht. Ankara kommt damit eine geopolitisch neue Rolle zu, die die Erdogan-Regierung aus historischer Erfahrung gerne einnimmt. Ein Kommentar.

Die geostrategische Bedeutung der Türkei ist den finnischen Politikern, die dachten, der Nato-Beitritt sei ein Kinderspiel, auf peinliche Weise vertraut geworden. Jetzt warten sie sehnsüchtig darauf, dass Präsident Erdoğan die Gnade hat, die Mitgliedschaft Finnlands und Schwedens in der Militärallianz zu ratifizieren.

Ganz allgemein wird anderen europäischen Politikern die Bedeutung der Türkei klar, da Europa mit einer sich verschärfenden Energiekrise zu kämpfen hat. In der Tat brachte der Abbruch der Beziehungen zu Russland eine Reihe unglücklicher Folgen nach der anderen.

"Ob Getreideexporte aus der Schwarzmeerregion oder Energielieferungen aus den östlichen Erzeugerländern – der Bosporus und die Verbindungen zu Eurasien spielen wie so oft in der Geschichte eine entscheidende geopolitische Rolle. Tatsache ist, dass die Türkei heute für die europäische Sicherheit unerlässlich ist", schreibt Karin Kneissl, ehemalige österreichische Außenministerin.

Der Anteil Russlands an den europäischen Gasimporten ist seit der politischen Unterbrechung der Jamal-Europa-Pipeline und der Sabotage der Nord-Stream-Pipeline auf weniger als zehn Prozent gesunken.

Während die energiepolitische Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa von den USA absichtlich zurückgedrängt wurde, hat sich die Partnerschaft zwischen Russland und der Türkei nur noch intensiviert. Bereits Anfang 2020 wurde das Turkstream-Projekt ins Leben gerufen, und kürzlich, am 19. Oktober, gab Erdoğan bekannt, dass er sich mit Putin auf die Einrichtung eines Erdgasversorgungszentrums in der Türkei geeinigt habe.

Putin zufolge kann Russland die Türkei zu einer neuen Hauptroute für seine Gaslieferungen machen. Mit dem Bau einer zweiten Pipeline und der Einrichtung eines Versorgungszentrums würde weiterhin russisches Gas aus der Türkei in Drittländer, insbesondere nach Europa, geliefert werden. Darüber hinaus könnte in der Türkei eine Gasbörse eingerichtet werden, um die Preise zu ermitteln.

Obwohl die EU aus politischen Gründen die russischen Energiequellen umgehen will, ist dies bereits ein geografisch schwieriges Projekt. Während Brüssel unter dem Druck der USA zittert, ist die Türkei eines der Länder, die das Verbrauchervakuum gerne füllen.

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