Massenhacks und Online-Demo

Cyberaktivisten protestieren gegen den Irak-Krieg und noch berichten auch unabhängige Beobachter direkt aus Bagdad

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Offenbar hat der Massenhack der islamischen Gruppe USC ("Vive Iraq!": Massenhack aus Kritik an Irak-Krieg) auch anderen Hackergruppen zum Vorbild gedient. So ist auch eine andere Gruppe aus Malaysia angetreten, im Dienste des muslimischen Widerstands ebenfalls möglichst viele Websites zu hacken. Doch auch eine andere bekannte Form des Internetaktivismus hat nun begonnen: Online-Demos gegen die Websites der amerikanischen und britischen Regierung.

Das Überschreiben von Websites, um seine politische Meinung zu verbreiten, ist mittlerweile zu einem bekannten Phänomen bei Konflikten geworden. Und es ist ansteckend, zumal wenn dies die Besitzer der Websites einfach machen.

Nach dem Vorbild der Hackergruppe USC, die nach Kriegsbeginn gleich ein paar Hundert Webseiten aus Solidarität mit der muslimischen Sache und dem Irak gehackt haben und dies auch noch weiter machen, haben nun ebenso wahllos und weltweit dum.my and tum.my zugeschlagen, um ihrer Meinung - und sicherlich auch ihren Personen und ihrem Hackerkönnen - Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ihre Meinungsäußerung ist knapp, aber geht immerhin mit Liebe einher:

"BUSH IS GAY!!!
STOP WAR, STAY LOVE AND PEACE!!!
By dum.my and tum.my
From Malaysia With LOVE!"

Das ist zweifellos ein wenig einfältig und zeugt von pubertärem Aktivismus. Lapidar hinterlässt die Gruppe "kn0w" den Slogan auf zahlreichen Webseiten: "no war peace fuck you bush". Und auch USC ist weiter tätig und hat einen neuen Slogan entwickelt: "War is terrorism, stop the terrorists. Justice For All."

Webcam-Bild aus Bagdad, Samstag 19 Uhr

Aber die Frage ist ja auch, ob bei den Meinungsäußerungen, die auf den gehackten "Flugblättern" der Online-Aktivisten verbreitet werden, ausgefeilte Argumente eine große Rolle spielen. Das ist schließlich auch bei den Sprüchen nicht der Fall, die auf Demonstrationen skandiert werden. Zudem müssen sich Online-Aktivisten, die nicht nur eine urbane, sondern prinzipiell globale Öffentlichkeit betreten, nicht erst zu einer größeren Gruppe zusammenfinden, um durch Masse Bedeutung zu erlangen. Mitunter kann schon einer allein große Wirksamkeit entfalten.

Das ist natürlich anders beim Online-Analogon zu Demonstrationen oder Blockaden, wie sei manche Hacktivisten veranstalten . Hier kommt es wiederum auf die Masse an. Man dringt dabei auch nicht verbotenerweise in Eigentum anderer ein, sondern sucht nur den Zugang zu einem virtuellen Ort zu erschwere oder zeitweise zu blockieren. Schwierig ist freilich daran, dass die Verfassungsrechte in demokratischen Staaten bislang vor dem Internet noch Halt machen. Es gibt keine ausgewiesenen öffentlichen Räume - und damit auch kein Recht auf Online-Demonstrationen. Demonstrationen und Sit-Ins haben stets auch den Zweck, durch Masse oder auch durch zeitweise Blockaden bzw. Störungen die Aufmerksamkeit auf die Inhalte der Protestierenden zu lenken. Dieses von der Verfassung geschützte Recht gibt es aber immer Internet nicht, weswegen Demonstrationen oder Sit-Ins hier illegal sind und auch gelegentlich unter Cyberterrorismus abgehandelt werden.

So bieten beispielsweise die britischen Cyberhippies, die seit 1999 Aktionen im Netz durchführen (Die "Electrohippies" kommen), wieder einmal die Möglichkeit an, über eine Website oder durch Herunterladen eines Java-Programms permanent die Website des Weißen Hauses und die der Downing Street aufzurufen, um gegen den dieses Mal ungerechtfertigten Krieg zu protestieren. Saddam sei tatsächlich ein schrecklicher Mensch, sagen die Cyberhippies, aber das würde nicht einen militärischen Angriff auf den Irak rechtfertigen, um die irakischen Menschen angeblich zu befreien. 1988 habe sich einer der Mitglieder der Cyberhippies an einer Demonstration beteiligt, um die Giftgasangriffe auf die Kurden zu protestieren. Damals habe die Demonstration unter starken Polizeikontrollen und Überwachungsmaßnahmen stattgefunden, "weil zu dieser Zeit die britische und US-Regierung Saddam unterstützt haben. Aus unserer Sicht ist die aktuelle Veränderung von der Duldung zu einer 'daisy-cutter diplomacy' nur ein zynischer Wandel der politischen Prioritäten in Washington."

Um die Websites schwieriger erreichbar zu machen, müssen sich allerdings Tausende von Menschen zur selben Zeit an dem Online-Protest beteiligen. Das soll auch so sein, weil die Aktivisten im Internet ein Analogon zu einer kollektiven Aktion im öffentlichen Raum schaffen wollen. Je mehr sich beteiligen, desto stärker soll der Effekt sein. Man habe die beiden offiziellen Seiten des britischen und amerikanischen Regierungschefs gewählt, weil diese die offiziellen Rechtfertigungen für den Krieg im Irak verbreiten. Es seien auch deswegen legitime Ziele des Protests, "weil sie gebraucht werden, um falsche Informationen und Halbwahrheiten über die Vorgänge im Irak zu veröffentlichen". Vor den "Cyber-Sit-Ins" haben die Cyberhippies die Betreiber der beiden Websites benachrichtigt, um die Proteste anzukündigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, darauf zu reagieren oder zu versuchen, sie rechtlich verbieten zu lassen.

Webcam-Bild aus Bagdad, Samstag Nachmittag

Spanische Aktivisten wollten angeblich eine Webcam in Bagdad installieren. Versprochen wurde zumindest vor Kriegsausbruch, dass ein Iraker aus Barcelona in sein Heimatland und dort die Kamera aufbauen sollte. Aber bei der Ankündigung scheint es geblieben zu sein. Dafür aber wird eine Seite www.waitingforthewebcaminiraq.org angeboten, auf der man wohl tatsächlich lange warten muss. Man könne jetzt die WebCam nicht installieren, hießt es, würde es aber dann machen, wenn der Krieg vorüber sei. Hier waren die Mainstreammedien wie MSNBC oder n-tv schneller und bieten Live-Bilder aus Bagdad an.

Und Salam Pax, der angebliche Blogger aus Bagdad, hat gestern das letzte Mal etwas gepostet:

"please stop sending emails asking if I were for real, don't belive it? then don't read it. I am not anybody's propaganda ploy, well except my own. 2 more hours untill the B52's get to Iraq.:: salam 7:05 AM."

Kaum ein Schutz vor den Bomben. Bild: al-Dschasira

Die unabhängigen Beobachter vom Iraq Peace Team, die sich in Bagdad aufhalten, können auch nicht mehr Informationen liefern als die übrigen Journalisten. Aber sie leben wie Kathy Kelly in engem Kontakt mit irakischen Menschen und können so den alltäglichen Wahnsinn eines Krieges schildern. Kathy Kelly schrieb am Samstag nach den ersten "shock and awe"-Bombardements:

" Tomorrow we'll plan a birthday party for Amal who turns 13. Last night, a cake appeared in the tearoom in celebration of Mother's Day. Tiny Zainab and Maladh, daughters of the hotel night manager, have warmed up to me and let me help their parents rock them to sleep. And so it goes. As Operation Iraq Freedom storms on, we'll liberate ourselves from any government's efforts to sever natural bonds between us.

As I write, I can hear explosions in the distance. Clouds of smoke are billowing in every direction. We've heard that last night's casualty list includes 207 wounded, four of whom died in hospitals. News reports say that more than 1,000 Cruise missiles were launched last night, and the US may be planning to release many more tonight. On a beautiful spring day, welcome to hell."

Und Rosemarie Gillespie, die sich als menschliches Schutzschild noch in Bagdad aufhält (Als menschliches Schutzschild in Bagdad), richtete heute an die Friedensaktivisten den Appell, zivilen Ungehorsam zu leisten, um den Krieg zu beenden:

"Last night the United States bombarded Iraq with 1000 missiles. Three hundred and twenty of them hit Baghdad. One of them landed near the April 7 Water Treatment Plant where I am living. The missile struck at about 10pm. There was a deafening explosion, shaking the building where we sleep. One of the other human shields, Donna Mulhearn, also from Australia, was nearly blown off her feet from the impact of the blast.

The missile explosion set off a major fire, which sent a great cloud of smoke spreading across the sky above us, in much the same way billowing clouds of smoke spread across the sky during the recent Canberra bushfires. The fire spread. It took hours before the fire was brought under control. We could still smell the acrid smell of something burning as the night turned into dawn.

The missile had landed little more than a kilometer away from where we were standing. Just a small difference in the trajectory would have had the missile heading straight for us. There are thirteen Human Shields living at the site, three Australians, one American, two from Britain, three from Japan, one Norwegian, one Belgian, one Italian, and one Dane. If the US tries again, misses again and hits us instead, we will be just become an unrecognizable mass of bits of concrete, human flesh and broken furniture. Not only would the missile kill all of us, it would also destroy the water treatment plant, which processes water for three million people. To hit the site would also destroy the special unit run by the International Committee of the Red Cross which processes water for use in the hospitals of Baghdad."