Ukraine-Krieg: Bis zu drei Millionen Flüchtlinge im Winter erwartet

Archivbild (März 2022): Arorae/ CC BY-SA 4.0

Russische Angriffe auf Versorgungseinrichtungen – WHO warnt vor dramatischen Entwicklungen in den kommenden kalten Monaten.

Bis zu drei Millionen Ukrainer werden diesen Winter ihr Zuhause verlassen müssen, um sich eine warme und sichere Zuflucht zu suchen – die Einschätzung stammt vom Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Region Europa, Hans Kluge.

Der belgische Arzt, seit 1999 im leitenden Amt, fürchtet einen schlimmen Winter für die Bevölkerung in der Ukraine. Zehn Millionen Menschen seien derzeit ohne Stromversorgung, so seine Bestandsaufnahme in Kiew, wo er gestern einen Lagebericht an die internationale Öffentlichkeit abgab.

"Kaltes Wetter kann töten", heißt es darin. Bis zu minus 20° Celsius würden für Teile des Landes vorhergesagt, so Hans Kluge, der zum Kiew zum vierten Mal in diesem Jahr besucht. Seine Eindrücke von der Lebenssituation, der Teile der Bevölkerung ausgesetzt sind, sind drastisch:

Da verzweifelte Familien versuchen, sich warmzuhalten, werden viele gezwungen sein, auf alternative Heizmethoden zurückzugreifen, wie das Verbrennen von Holzkohle oder Holz, den Einsatz von mit Diesel betriebenen Generatoren oder elektrischen Heizgeräten. Dies birgt gesundheitliche Risiken, z. B. die Exposition gegenüber giftigen Stoffen, die für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen schädlich sind, sowie Verbrennungen und Verletzungen bei Unfällen.

WHO

Auch psychisch führe die Belastung durch den Krieg im Land zu Störungen wie "akutem Stress, Angstzuständen, Depressionen, Drogenkonsum und posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS)", so der Arzt. Nach Schätzung seiner Organisation sind ebenfalls zehn Millionen Menschen von solchen Störungen bedroht.

Dem gegenüber hat die medizinische Versorgung große Schwierigkeiten damit, mit der kritischen Situation zurechtzukommen: "Das ukrainische Gesundheitssystem steht vor den bisher dunkelsten Tagen des Krieges", so Kluge. "Nach mehr als 700 Angriffen ist es nun auch Opfer der Energiekrise."

Dem Bericht von Jarno Habicht, dem Vertreter der WHO in der Ukraine, zufolge, hat jeder Fünfte in Land Schwierigkeiten, um an Medikamente zu kommen. In Konfliktgebieten sei es nur jede(r) Dritte.

Ohne Strom funktionieren die Maschinen in den Intensivstationen nicht, Operationen können nicht fortgesetzt werden, und die Kühlkette für Impfstoffe und Medikamente wird unterbrochen. Man kann sich nur vorstellen, welche Folgen dies für die Zivilbevölkerung in der Ukraine haben kann.

Jarno Habicht, WHO Ukraine

Nach einem Bericht der New York Times hat die ukrainische Regierung damit begonnen, den Bewohnern bei der Evakuierung von Gebieten zu helfen, "in denen sie nach eigenen Angaben nicht für ausreichend Strom und Wärme sorgen kann".

Als Beispiel für die "voluntary evacuations" (freiwillige Evakuierungen) nennt die US-Zeitung die Stadt Cherson, wo laut einer Ankündigung von Iryna Wereschtschuk, stellvertretende Ministerpräsidentin der Ukraine, vulnerablen Bürgern, "ältere Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität", kostenlos die Möglichkeit gegeben wird, in eine sicherere Umgebung zu gelangen.

Beobachtungen, die der Zeitungsbericht mitteilt, laufen allerdings darauf hinaus, dass es auch Bewegung in die Stadt zurückgibt:

Obwohl nach Schätzungen der örtlichen Behörden nur noch etwa 80.000 Menschen in Cherson leben - deutlich weniger als die 250.000 Einwohner vor dem Krieg - haben einige begonnen, in die Stadt zurückzukehren. In der Abenddämmerung am Sonntag strömte ein stetiger Verkehrsstrom nach Cherson.

New York Times

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks sind seit Februar mehr als 7,8 Millionen Menschen als Flüchtlinge aus der Ukraine geflohen.

In Deutschland haben laut Zahlen des Mediendienst Integration seit Kriegsbeginn mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine Schutz gesucht.

Alle Bundesländer haben ihre Aufnahmeinfrastruktur 2022 ausgebaut: Bayern hat zum Beispiel rund 40.000 neue Aufnahmeplätze für Geflüchtete aus der Ukraine geschaffen, in Niedersachsen wurde die Platzzahl in Aufnahmeeinrichtungen mehr als verdoppelt.

Dennoch melden alle zuständigen Ministerien, dass die Belegungsquote in den Flüchtlingsunterkünften sehr hoch ist: In Hamburg und Berlin liegt sie etwa bei 99 Prozent. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachen liegt sie bei rund 80 Prozent. Es werden verstärkt Notunterkünfte in Hallen, Hotels und Gewerbeimmobilien genutzt.

Angaben der zuständigen Ministerien der Bundesländer auf Anfrage des Mediendienst

Viele der ukrainische Geflüchtete würden noch immer in Aufnahmeeinrichtungen leben, so die Informations-Plattform.